leises gebrüll im weissen raum und die wartemarke

mein neues atelier ist mal wieder eine ziemliche absteige. die wände sind aus pappe und die böden mit braunem packpapier ausgelegt. es gibt keine fenster aber ein riesiges tor, was die eine längsseite des ateliers zur strasse hin öffnet. wenn das tor offen ist steht man praktisch auf der strasse. die passanten könnten herein kommen und damit sie das nicht tun habe ich mehrere lagen aus packpapier von der decke runter gehängt.
(mehr …)

erwünschter zufall

ich führe meine diplomarbeit in einem kino vor. sie besteht aus zwei teilen: einem händisch erstellten album und einem film, den ich auf grundlage des albums gedreht habe.
in das album habe ich glanzbildchen geklebt, diese kitschigen dinger, die ich als grundschulkind mal gesammelt hatte.
einzelne bunte bögen mit märchenwesen, niedlichen entenküken oder elfen auf geprägtem, manchmal mit glitter besprenkeltem papier.

daraus habe ich das album zusammengebastelt und der prüfungskommission übergeben.

diplomarbeit

den film, den ich zusätzlich zeigen werde, hab ich mit einer superneuen und superteuren software erstellt, die eingescannte albumseiten selbständig randomisieren, neu zusammensetzen und mit schmissiger musik unterlegen kann. ich musste nichts tun, sie nur bezahlen.

zwar hatte ich auch mehrere aufwändige tanzszenen mit ein paar kommilitoninnen gedreht aber das material hat die software leider rausgeschnitten.
und nun sitze ich im kino in der dritten reihe, neben mir die „darstellerinnen“, die auf ihre szenen warten, und ganz vorne sitzen die profs. eine ganze reihe voll, natürlich ausschliesslich männer.

ich bin nervös. nicht nur wegen der nicht mehr vorhandenen tanzszenen sondern hauptsächlich weil ich es meine allererste filmische arbeit ist. bisher war ich malerin, hatte aber keine lust mehr auf malerei und bin zugegeben etwas spät ins film-business umgeschwenkt.

hinzu kommt, dass mir erst jetzt, hier, im kino, eingefallen ist, dass die mir ja hinterher fragen stellen. panisch zische ich meinen sitznachbarinnen zu, was ich denn gleich dazu sagen solle.
eine schlägt vor: „wieso nicht einfach die wahrheit“.

während die ersten bilder über die leinwand flackern überfliege ich innerlich potentielle wahrheiten:
– dass alle künstlerischen entscheidungen von der software übernommen werden ist natürlich so gewollt
– es handelt sich um den sogenannten „erwünschten zufall“
– die software gehört zum konzept

auf einmal stocken die bilder und eine fehlermeldung poppt über dem jetzt eingefrorenen bild auf.

ich fange aber garnicht erst an, zum vorführraum zu rennen und da jetzt planlos herumzuprobieren, sondern beschliesse, den rest des filmes einfach auf meinem laptop vorzuführen.
im dunkeln taste ich nach der tasche zwischen meinen beinen und wühle darin herum, knalle aber in meiner panik beim aufklappen des laptops gegen den deckel und schlage ihm eine ecke aus.
was ist denn das schon wieder für eine scheisse!
es stellt sich raus, dass dieses kack-laptop garnicht aus metall ist sondern aus irgendeiner bröckeligen billigknete!
die mädels müssen mich beruhigen. eine drückt die herausgeschlagene ecke wieder an ihren platz.

am ende finden die professoren den film garnicht mal so scheisse. nur kann ich mich bei der befragung schlecht konzentrieren weil ich immer auf die dicken pfoten des BWL-professors starren muss, der etwas zu enthusiastisch in meinem album herum zuppelt und den engeln die arme ausreisst.

außerdem gehen mir die mädels auf den senkel weil sie sich die ganze zeit versuchen ins gespräch zu bringen, indem sie andeuten, dass die besten szenen ja leider von der software entfernt wurden.

ob ich ne auszeichnung bekommen hab hab ich leider verpasst weil ich aufgewacht bin.
ich schätze aber: ja.

eine ausstellung in venedig

januar

verabredung mit einer sammlerin.
wir besuchen caro, eine gemeinsame freundin, im atelier und die sammlerin erzählt mal wieder von dieser extrem wichtigen ausstellung, die ihr mann, ein maler, die tage in einem der bedeutendsten sammlermuseen venedigs habe, der punta della dogana – und wir müssten selbstverständlich alle kommen! dann könne sie uns auch endlich mal klaus* vorstellen, den new yorker stargaleristen ihres mannes.

es klingt alles nach einem ziemlichen jahrhundert-event: irgendwas zwischen goldener hochzeit, 100stem geburtstag und retrospektive. sowas kann man natürlich schlecht absagen und ich zermartere mir den kopf, wie ich es ihr beibringen kann, dass ich es mir nicht leisten kann.
umso weniger überzeugend, wo sie mir ausgerechnet heute auch noch mitgeteilt hat, dass sie beschlossen habe, mir wieder eine arbeit abzukaufen. sie hatte mir schonmal vor 15 jahren eine abgekauft und jetzt also wieder.

ich nuschle meine bedenken aber trotzdem hervor und die sammlerin so, wie aus der pistole geschossen: „aber jetzt, wo wir dir das bild abkaufen, hast du ja geld!“


februar

flüge und hotel sind gebucht. wir teilen uns zu dritt ein zimmer: caro und ich von donnerstag bis sonntag und ab freitag kommt noch eine andere freundin dazu. ich gebe der sammlerin die termine durch.

ich bekomme zwar keine antwort aber meine nachricht wird als „gelesen“ angezeigt und das reicht ja erstmal.


april

morgen fliegen wir. ich hab seit meiner nachricht im februar nichts von der sammlerin gehört und die arbeit hat sie natürlich auch nicht gekauft.
ich bin am packen, das handy klingelt. caro. sie habe neuigkeiten. die sammlerin habe sich gemeldet und die eröffnung sei wohl doch nicht am samstag sondern sonntag. etwas ungünstig, weil wir dann ja schon weg sind.
aber am samstag gebe es ne preview und previews sind ja auch immer schön.

caro liest mir die etwas verworrene nachricht der sammlerin vor. sie schreibt, sie sei „zeitlich leider etwas eng gestaltet“ wegen der veranstaltungen am samstag aber sie hoffe, wir wären auch noch am sonntag da.

caro antwortet, dass wir ja, wie gesagt, am sonntag NICHT mehr in venedig seien und fragt, ob wir zu diesen „veranstaltungen“ am samstag nicht mitkommen könnten.
die antwort der sammlerin: leider sei sie nicht „herr des ablaufs“ (sic).

jetzt schaue ich mir die webseite des museums aber mal genauer an und finde heraus, dass es sich nicht, wie wir annahmen, um eine retrospektive handelt, sondern um eine gruppenausstellung mit 30 teilnehmerInnen.


donnerstag – anreise

um 6 klingelt der wecker. auf dem weg nach schönefeld treffe ich caro. sie hat ebenfalls kaum geschlafen und wir philosophieren ein bischen, ob wir wirklich gerade im begriff sind, nach venedig zu fahren um auf eine ausstellung zu gehen, bei der wir nicht reinkommen.

gegen mittag kommen wir auf der insel an und gehen erstmal ins hotel, die koffer abgeben. wir essen eine überteuerte gummilasagne und machen uns auf den weg, schonmal ein bischen kulturprogramm zu absolvieren. es fängt an zu regnen und ich bekomme halsschmerzen.
nach einem opulenten abendessen auf den hotelbetten ist die stimmung aber entspannt und um 10 schlafen wir schon.

IMG_7582


freitag

heute wieder schön kulturprogramm: palazzo ducale und scuola di san rocco.
danach shopping: caro kauft sich ne winterjacke und ich füge zu der bibliothek aus 2 kilo reiseführern in meiner handtasche nochmal 3 kilo kunstkataloge hinzu.

IMG_7621

obwohl ich mittlerweile davon abrate, die stimmung ist gerade so gut, schreibt caro der sammlerin nachmittags ne nachricht.
die antwort: man könne noch nicht sagen, was man abends machen werde.
später fragt uns die sammlerin doch noch, ob wir uns am nächsten morgen nicht treffen wollten, um was zu unternehmen.
obwohl mir langsam die lust vergeht sagen wir zu.


samstag

jetzt ist auch unsere 3. zimmergenossin da und zwei weitere berliner sind in der stadt, denen ebenfalls gesagt wurde, dass die eröffnung heute sei.

weil wir von der sammlerin nichts hören ziehen wir schonmal los in richtung barock-kirche santa maria della salute. unterwegs schreibt caro der sammlerin, wo sie denn stecken würde und wie es denn nun heute mit der preview sei.

die antwort kommt, als wir gerade in der sakristei stehen, zwischen tintoretto und tizian. sie sei unterwegs, schreibt die sammlerin, und die preview sei „leider nicht öffentlich“.

caro möchte mal jetzt einen moment alleine sein und die andere freundin und ich warten draussen in der sonne. wir sitzen ausgerechnet direkt gegenüber der punta della dogana und können dem verkabelten türsteher im schwarzen anzug dabei zusehen, wie er eingeladenen gästen die tür aufhält.

IMG_7648

später am tag, inzwischen in der accademia, schreibt caro nochmal eine nachricht. eine sehr diplomatisch formulierte, die unsere fassungslosigkeit zum ausdruck bringt.
die antwort der sammlerin: sie fände es schade, dass wir im vorfeld nicht einfach mal angerufen hätten, um besser zu planen.
(damit wäre die schuldfrage also auch geklärt.)

ausserdem schlägt sie vor, die ausstellung morgen früh vor der eröffnung noch schnell bevor wir losfliegen anzusehen, offenbar ist sie da schon für die öffentlichkeit zugänglich.

IMG_7741


sonntag – abreise

wir checken aus und caro und ihre freundin machen sich auf, nochmal auf die andere seite des canal grande um sich die vermaledeite ausstellung anzusehen.
ich schlendere derweil durch die strassen, esse noch ein stück pizza, kaufe noch ein paar hässliche souvenirs und kuck mir nochmal den bellini in der san zaccaria kirche an – denn ich habe beschlossen, dass dies viel besser zu meiner kleinen hübschen kunstreise passt.

IMG_7761

im bus zum flughafen erzählen mir caro und die freundin, dass sie hätten eintritt zahlen sollen, 15 euro pro person, aber caro habe behauptet, sie sei assistentin vom künstler-ehemann der sammlerin und müsse was für ihn abgeben. so kamen sie doch noch umsonst rein.

abends liege ich schon wieder zuhause in berlin im bett und erzähle dem mann neben mir von meiner erfolgreichen reise:
ich bin jetzt tintoretto-fan und wenn ich gute geschichten fürs blog aufschreiben kann bin ich ja eh immer zufrieden.

* name geändert

früh morgens. überall liegen handys rum aber keines davon ist meins. es war mal wieder eine lange nacht. wir wollten meine neuste skulptur (ein kriegsdenkmal aus weisser knete) fotografieren aber niemand konnte mit franks belichtungsmesser umgehen und um ihn zu erreichen suche ich jetzt mein handy.
(mehr …)

verstopfung beim tag der offenen tür

es ist winter. ich versuche mit nackten händen die stufe vor dem haupteingang meiner alten hochschule zu erklimmen. früher waren hier mehrere stufen, heute ist es nur noch eine und die ist zwei meter hoch. ich hänge also mit meinen 1,65 an frierenden fingern an der mauer und versuche mich hochzuziehen. was sich bewegt sind aber nicht meine untrainierten arme sondern die mauer. die obere platte hat sich gelöst und droht mir entgegen zu fallen – da kommt hilfe. claus mewes arbeitet inzwischen, wie die meisten ex-hfbk-ler und ehemaligen der hamburger kunstszene, an der hochschule als pausenaufsicht und zieht mich hoch, auf die mauer.
(mehr …)

vernissagen hopping

mein telefon klingelt. ein freund, eigentlich kunsthistoriker, arbeitet beim radio als moderator. er sei gerade live auf sendung und wolle mich mal fragen, so als expertin, wie es sei, wenn man am selben tag wie andere, bedeutendere künstler eröffnen. er habe gerade meinen ehemaligen professor in der anderen leitung, der heute abend eröffne, gleichzeitig mit georg baselitz.
ich versuche irgendwas diplomatisches zu sagen: „ja, das ist natürlich doof“ und „man versucht es so zu sehen, dass die leute ja so vernissagen-hopping-technisch vorbei kommen könnten – tun sie aber nicht. ich zum beispiel suche mir immer eine eröffnung aus, wo ich hin will, für vernissagen-hopping bin ich zu alt*.“

der moderator: „welche würdest du dir denn von diesen beiden aussuchen?“
da muss ich nun wirklich länger drüber nachdenken aber bevor ich noch etwas sagen kann wache ich zum glück auf.

*wie komme ich denn darauf?!