this is not a good portrait

gestern stiess ich auf diesen artikel hier im guardian. es geht darin um ein gemaltes bild, das die ehefrau eines in england lebenden malers (james needham heisst der) mitte mai auf der sozialen plattform imgur ins netz gestellt hat und das seitdem 800.000 mal angeklickt und 25.000 mal bewertet wurde.

der autor des guardian-artikels, ein kunst-kritiker namens jonathan jones, beschreibt das zwar etwas anders (laut ihm ist das foto „geteilt“ worden) aber er scheint auf solche feinheiten der sozialen medien auch nicht sonderlich viel wert zu legen.
stattdessen steht er offensichtlich eher auf knalleffekte, weil er gleich im ersten satz schon mit der these eröffnet, dass die einzige lehre, die wir aus der populatität des besagten gemäldes ziehen könnten folgende sei:

Painting can be popular in the digital age, provided it washes out all aesthetic ambition and reduces the 600 years of art history since the Renaissance to the level of a glorified selfie.

und so geht es dann weiter. das bild sei mittelmässiges geschmiere, wertlos und habe dieselbe wirkung wie kim kardashians selfies. genauso gefaket und oberflächlich und abstumpfend.

anschliessend listet der kritiker ein paar maler auf, die das malen nach fotos richtig gemacht hätten (degas, warhol und gerhard richter) und erklärt anhand dessen vom needham-bild das gegenteil:

But instead of elevating photography into painting, Needham has lowered painting to the triviality of instantaneous self-portraituree.

und ich werde langsam sauer. „wann fängt er denn nun mal an, irgendwas zu belegen?“ denke ich. der artikel ist eine einzige aneinanderreihung von beleidigungen, wäre ich der gemeinte künstler, ich würde wahrscheinlich mehrere jahre brauchen, um mich davon zu erholen.
aber statt endlich mal anzufangen, irgendeine seiner drastischen aussagen zu erläutern fängt dieser jones etwa ab der mitte seines texte bloss an, sich zu wiederholen.
der einzige lichtblick bleibt, dass ich den artikel überhaupt lesen kann. normalerweise trau ich mich an englischsprachige kunst-kritiken wegen des sprachlichen geschwurbels eher selten heran, aber das hier ist so platt, das versteh sogar ich.

This is not a good portrait. While Needham has moderate technical skill, he has not looked hard enough or perceptively enough to give his painting any real insight. If you think this is a tough realist portrait, look again. Needham’s vision has all the profundity of a 1970s sitcom.

an dieser stelle möchte ich den autor jetzt selber gerne fragen, ob er diese sache mit den 600 jahren kunstgeschichte, die ja seiner meinung nach das „digital age“ auf das niveau von selfies reduziert, also ob er diese 600 jahre nicht selber gerade überspringt, wenn er ein portrait als „nicht gut“ bewertet weil der künstler nur „moderate technical skills“ vorweisen kann.

aber es kommt noch beknackter:

Real portraiture goes a lot further. Compare this painting with any work by Lucian Freud and you will start to see the difference between an artist filling canvas and an artist actually seeing people in a special, unique way.

aha. also nichtmal „real portraiture“.

The selfie age is a tragedy for art. It has convinced everyone that “art” is something we can all do with a phone and a cheeky pose. Billions of complacent self-images are filling the cyberspace void. Needham’s online hit is proof that all this photographic narcissism is poisoning the way we look at real art as well.

und auch keine „real“ art! schön dass wir das auch noch geklärt hätten.

FAZIT:

dass der kunstbetrieb eine art zuchtbecken für die aller-arrogantesten ist, wussten wir ja. und dass sich die grössten spiesser und ewig gestrigen von der kunstwelt ebenfalls besonders angezogen fühlen ist auch nicht neu.

was mir allerdings neu war sind kritiker, die sich nicht nur auf kosten von künstlern profilieren sondern sich auch noch die allerschwächsten heraus suchen. kritiker, die weder besonders viel zu wissen scheinen noch besonders gut schreiben können und die sich, damit das keiner merkt beziehungsweise damit sie weiter für den guardian arbeiten dürfen, dann gezielt jemanden herauspicken, den sie zusammenfalten können. in diesem fall ein kleiner unbekannter maler, dessen ehefrau ein bild, was er ihr gemalt hat, voller stolz ins netz gestellt hat.

nachdem ich gestern den artikel gelesen hatte hab ich dann doch nochmal ausnahmsweise etwas gemacht, was man ja eigentlich nicht tun soll: ich hab die kommentare gelesen. und die empfehle ich jetzt auch allen, die der artikel genauso traurig gemacht hat wie mich. bei facebook ist zum beispiel der oberste, meist gelikte kommentar:

Dear Jonathan Jones, shut the fuck up and make some art of your own. Sincerely, The World.

nichts gegen teebeutel

keiner male mehr figürlich! art-brut müsse man machen und eigentlich sowieso nur noch konzept-malerei! erklärte mir der schauspieler, der neuerdings auch maler war, als er mich im atelier besuchte.
über meine zweifellos figürlichen bilder an denen ich arbeitete verlor er kein wort. ich sparte mir den hinweis, dass auch seine bilder weder art-brut noch konzeptkunst waren und auch sein neuster plan, dinosaurier zu malen, klang wenig abstrakt.
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mal mal n dreieck rein

orr leute! könnt ihr endlich mal wieder aufhören, dreiecke und rhomben zu malen? ich hatte ja gehofft, das sei sone art lokale mode der hamburger szene, wo man nur noch nicht kapiert hat, dass der zug längst abgefahren ist (wenn man davon ausgeht, dass der hamburger kunstverein dem neuen formalismus schon vor fast 10 jahren eine ausstellung gewidmet hat, finde ich, reicht es langsam).
aber offenbar tue ich hamburg unrecht. der zug scheint erst jetzt auch in berlin angekommen zu sein. (mehr …)

süss von ihnen

ich bin das erste mal seit 10 jahren wieder in der hochschule, es ist jahresausstellung.
alles hat sich verändert. es werden keine studenten mehr ausgestellt sondern eine jury hat 4 künstler ausgewählt, alles ehemalige, die inzwischen zu stars avanciert sind. 3 männer und eine frau. ich kenne keinen von ihnen.
die arbeiten werden ausdrücklich zum verkauf angeboten.
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ausflugstipp

heute, am Samstag, den 11.02.
von 11:00-14:00 Uhr
Im Haus der Jugend, Stintfang,
Alfred Wegener-Weg 3, 20459 Hamburg

findet das sog. „Werkstattgespräch zur Neubebauung des Grundstücks Hafentor 7“ statt.
Anwohner und Hamburger Bürgerinnen und Bürger wurden hierzu vom Investor EUROLAND zur Mitsprache eingeladen.

Davor findet außerdem eine Begehung des Standortes mit EUROLAND von 9:30-10:30 Uhr statt.

neues zur stintfangbebauung

meine frage, ob es ein fake ist wenn der investor EUROLAND den anwohnern und betroffenen des bauvorhabens „hafentor“ diskussionsbereitschaft signalisiert und einen workshop anbietet, ist sogut wie beantwortet: ja, es ist ein fake.

das angebot eines workshops kam erstmalig auf bei der stadtteilkonferenz am 27.9., als ich mich über die „kristalline form“ und dimension des monströsen neubaus echauffierte. ob denn schon alles feststehe, wollte ich wissen. herr horx von EUROLAND erwiderte: das könne man alles noch diskutieren – zb. im rahmes eines workshops.

vor etwa zwei wochen trafen sich anwohner mit herrn horx und um genauere informationen zum workshop zu erfragen.
zufällig wohnen in unserem haus 3 architekten, die auch bereit wären, mit EUROLAND über die bauliche form und höhe des gebäudes auf fachlich kompetente weise zu sprechen.
herr horx machte bei diesem treffen überraschend klar: der workshop wird sich ausschliesslich auf die nutzung beziehen – an der hülle und höhe wird nicht gerüttelt.

es handelt es bei diesem „workshop“ aus meiner sicht insofern um eine reine PR aktion.

von seiten mancher fachbehörden hört man übrigens bereits, dass diese für das bauvorhaben eher nach gründen gegen wohnungen und für die errichtung eines ‚wirtschaftfreundlichen bürogebäudes‘ suchen.
immerhin scheint das denkmalschutzamt etwas mehr begriffen zu haben: von dort gibt es eine stellungnahme aus der sinngemäß hervorgeht, dass aus denkmalpflegerischer sicht ein verbauen des hangs und der aussicht auf die volle höhe der bastion äußerst kritisch gesehen wird.

rum traube und die hamburger kulturstiftung

das letzte mal dass meine arbeiten gefördert wurden war vor 10 jahren. damals hatte ich das hamburg stipendium. man bekam damals 1400 mark im monat plus teilnahme an einer gruppenausstellung mit katalog.
seitdem hatte ich mich nie mehr für eine förderung beworben. welche auch? die orte, an denen ich in hamburg meistens ausstelle werden selbst schon gefördert. da bekommen die künstler für gewöhnlich nichts.

für rum traube nuss hatten wir uns bei der hamburger kulturstiftung für eine projektförderung beworden. von der kulturbehörde wird das westwerk eh bereits unterstützt – was allerdings auch nur miete und postkartendruck deckt und dank der elbphilharmonie auch gerade erst wieder gekürzt wurde.

die jury der kulturstiftung lehnte unser projekt ab. auf nachfrage bekamen wir die erklärung, dass wir zu alt seien. man fördere eher jüngere kunst.
das erstaunliche daran war, dass sich diese äusserung nicht auf irgendeine offzielle altersgrenze bezieht. die gibt es im bewerbungsverfahren der stiftung nämlich nicht. man weiss also garnicht, was für die kulturstiftung „junge kunst“ bedeutet.

am selben tag, als wir die ablehnung erhielten, traf ich zufällig eine galeristin, die einmal im jahr eine grosse verkaufsausstellung organisiert. sie schwärmte davon, wie gut das geschäft laufe und meinte, sie riefe auch gleich mal bei der kulturstiftung an, die wollten schon so lange mal was für sie tun.

hamburg

ein grund dafür dass ich immer noch in hamburg bin obwohl zwei drittel meiner bekannten und freunde längst weggezogen sind, war meine wohnung am kuhberg. vor 15 jahren, mein sohn war gerade geboren, bezogen wir diese kleine altbau-wohnung im portugiesenviertel an den landungsbrücken. im 4ten stock, direkt am stintfang, blicken wir direkt auf den alten elbpark, mit spechten, eichhörnchen und kaninchen als nachbarn. und wir können den hafen sehen, die kähne und das wasser. so eine wohnung, dachte ich, bekommt man nie wieder.

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