Kategorie „gastschreiber felix“

„live-protokoll“

beim werkstattgespräch zur neubebauung des grundstücks hafentor 7 (siehe „werkstattgespräch“ und „bildzeitung gegen anwohner“ hier im blog) wurde ein sogennantes „live-protokoll“ erstellt. während der veranstaltung wurde mitgeschrieben und die eingabemaske wurde während des schreibens auf eine kleine leinwand projiziert.

grundsätzlich ist es eine ziemlich gute idee, eine veranstaltung so zu dokumentieren. ein bisschen irritierend fand ich jedoch, dass das protokoll erst 20 tage nach der veranstaltung zugänglich gemacht wurde: es wurde am 2. märz von euroland per email an die anwohner verschickt*. das erstellungsdatum der PDF-datei ist der 27. februar.

angekündigt war eigentlich, das protokoll auf der euroland-seite zu veröffentlichen. tatsächlich ist es jetzt auch auf den webseiten vom quartiersmanagement neustadt gelandet. dort habe ich es allerdings nur mit googles hilfe finden können, auf den webseiten des quartiersmanagements neustadt selbst nicht.

was euroland oder markus birzer in den 16 tagen zwischen dem 11. februar und dem 27. februar mit dem protokoll gemacht haben ist nicht ganz klar. allzuviele korrekturen fanden aber offensichtlich nicht statt. so war zum beispiel der „Teilnehmer“ der sich laut protokoll “als Bewohner des Gebäudes Hafentor 2 zu erkennen“ gab, kein einfacher bewohner, sondern der besitzer des hauses hafentor 2, herr stoll.

immerhin kann jetzt jeder interessierte nachlesen, was am 11. februar besprochen und versprochen wurde.

*) witzigerweise wurde die email an die anwohner mit dem angehängten protokoll von euroland mit einem deppendisclaimer einer juristisch eher fragwürdigen geheimhaltungsklausel und einem haftungsausschluss für virenschäden verschickt. auf englisch. doppelt absurd. bleibt zu hoffen, dass euroland stringenter baut, als emails verschickt:

The information contained in this communication is confidential, may be privileged and is intended for the exclusive use of the above named addressee(s).  If you are not the intended recipient(s), you are expressly prohibited from copying, distributing, disseminating, or in any other way using any information contained within this communication.  We have taken precautions to minimise the risk of transmitting software viruses, but we advise you to carry out your own virus checks on any attachment to this message.  We cannot accept liability for any loss or damage caused by software viruses.  If you have received this communication in error please contact the sender by telephone or by response via mail.  This communication is from EUROLAND Projektierungen GmbH, principal place of business is Hamburg, Germany. EUROLAND Projektierungen GmbH is registered at Hamburg HRB 67883. Management: Karsten Horx, Ulrich Menten, Robert Rocholl.

von felix schwenzel

bildzeitung gegen anwohner

beim workshop, bzw. „werkstattgespräch“ zur neubebauung des hafentors war leider nur ein einziger journalist anwesend. der „chefreporter“ bei der bild hamburg, jörg köhnemann. das liess nichts gutes ahnen. und tatsächlich, bereits am dienstag, nur 10 tage nach der veranstaltung, veröffentlichte er einen kurzen bericht in der bild hamburg (leider nicht online).

bereits die überschrift lautet leicht desinformierend: „Elbblick gefährdet — Anwohner gegen Hafentor-Wohnungen“.

nur: grundsätzlich gegen die bebauung sind die anwohner gar nicht. die diskussion zeigte klar, dass die mehrheit lediglich ein problem mit der geplanten bauhöhe und der gigantischen kubatur des entwurfs hat — zu dem es, trotz gegenteiliger versprechen, übrigens auch keinen alternativentwurf gibt. hier ein bild der visualisierung der architekten auf den neubau vom kuhberg herunter:

die bild-zeitung meint, der bau sei unauffällig

köhnemann nennt den entwurf „unauffällig“. und er schreibt: „So plant Euroland: Der Neubau würde Schweden-Kirche und Elbphilharmonie nicht verdecken“

das ist natürlich eine frage der perspektive.

ob ein neubau etwas verdeckt oder nicht, ist auch eine frage der perspektive

weiter schreibt köhnemann:

Entwickler Euroland will in bester Lage mit Blick auf Elbe, Docks und “Rickmer Rickmers” 50 Mietwohnungen (davon 26 Sozialwohnungen für behinderte Studenten, ältere Menschen), Läden und einen neuen, hellen S-Bahn-Zugang bauen.
Aber den meisten Anwohnern sind die sechs Stockwerke (22,50 m) zu hoch, sie bangen um ihren Sahne-Blick auf den Hafen.

auch das scheint mir eigentümlich für jemanden der sich „reporter“ und nicht etwa „fakten-ausdenker“ nennt. denn viele der anwohner die sich während des „werkstattgesprächs“ zu wort meldeten und sich über die zu grosse höhe des geplanten neubaus beklagten, wären in ihrer sicht gar nicht eingeschränkt. auch der eigentümer eines direkt gegenüberliegenden hauses, herr stoll, sagte ausdrücklich, er habe nichts gegen den neubau, wundere sich aber darüber, dass er, als er sein haus aufstocken wollte, „um jeden zentimeter“ mit der baubehörde ringen musste und euroland jetzt plötzlich viel höher bauen dürfe.

um den sahne-blick bangt in wahrheit euroland. wenn sie nicht ungewöhnlich hoch bauen könnten, wären eben auch weniger wohnungen mit „sahneblick“ zu vermieten. denn der aussicht der ersten paar geschosse des neubaus steht die hochbahn im weg. hochbahn-blick, lässt sich natürlich nicht so gut verkaufen, wie elbblick. die geplanten sozialwohnungen (köhnemann: „für behinderte Studenten, ältere Menschen“) haben ohnehin keinen elbblick.

am ende bietet jörg köhnemann dem euroland-sprecher GAL-chef-mitte michael osterburg noch gelegenheit die sicht eurolands seine sicht ausführlich darzulegen:

Der Bezirk ist für den Bau. Fällt durch die Anwohner-Proteste eine Etage weg, ist das Gesamtprojekt gefährdet, weil es sich für den Investor dann nicht mehr rechnet.

der bezirk ist für den bau? hier fehlt noch der hinweis, dass auf der auf der stadtplaungsausschusssitzung die unter ausschluss der öffentlichkeit stattfand, vom bezirk lediglich beschlossen wurde, dort zu bauen. dem bau nach dem derzeitigen planungsstand und finanzierungsmodell, wie michael osterburg das darstellt, wurde keinesfalls pauschal zugestimmt. der bezirk beschloss auch, dass über rahmenbedingungen wie die höhe und die nutzung der öffentlichen flächen, erst verhandelt werden solle, nachdem die stimmen der anwohner gehört wurden. michael osterburg scheint das was die anwohner zu sagen haben nicht zu scheren. er (und jörg köhnemann) ziehen es offenbar vor, die anwohnerbedenken als egoistisches rummäkeln und wutbürgertum zu denunzieren.

der leiters des zuständigen stadtplanungsamts michael mathe wurde während des werkstattgesprächs nicht müde zu betonen, dass der bezirk und die verwaltung hart verhandeln würden und die einwände der anwohner sehr ernst nehmen würden. auch der anwesende SPD-vertreter arik willner machte mit seinen wortmeldungen nicht den eindruck, dass der neubau, so wie er präsentiert wurde, für den bezirk eine ausgemachte sache sei.

immerhin beruhigend zu sehen, dass die bild hamburg weiterhin nicht allzugrossen wert auf sauberen journalismus legt, sondern dass die bild-zeitung ihre hauptaufgabe vor allem in stimmungsmache, freundschaftsdiensten und faktenbiegung zu sehen scheint.

von felix schwenzel