Category Archives: „mit politik hab ich nichts am hut“

cowboys und netzwerke

eigentlich wollte ich was über das gallery weekend schreiben. nachdem jetzt schon wieder eine woche rum ist und schon alle darüber geschrieben habe, langweilt mich das und ich muss hier ja zum glück nix machen, was mich langweilt.

dann stiess ich vor ein paar tagen auf den text, „reclaiming art“ von holm friebe. sie können ja mal versuchen, ihn zu lesen. mir ist es leider nicht so wirklich gelungen.
mir geht es aber eh nur um die zweite hälfte des textes in der friebe die parallel zum gallery weekend veranstaltete ausstellung, „ngorongoro“ oder auch „artist weekend“, gewissermassen als revolution der kunst beschwört.

mir hatte die ausstellung eigentlich auch ganz gut gefallen – bis ich friebes text dazu, naja, las und ein bischen darüber nachdachte.

die ersten 2 tage des gallery weekends bin ich noch wie jedes jahr tranceartig durch die galerien getrottet. weil man die wände im gedränge der touristenkaravanen schlecht erkennen konnte lauschte ich einfach den führern, die alles aufs gründlichste beschrieben. ansonsten waren die schönsten momente wie immer die sitzpausen.

mein handy piepte dabei in einer tour und legte mir nahe, dass ich mich offensichtlich auf der falschen party befand:
„warst du schon bei ngorongoro? soll gut sein.“
„ich geh morgen nochmal zu ngorongoro, heute nicht alles geschafft.“
„wir machen nen familienausflug zu ngorongoro, die kinder wollen baden.“

was war also nogorongoro / das artist weekend? erstmal eine riesige gruppenausstellung mit ca. 130 teilnehmern auf 6000 quadratmetern.
unter den ca. 130 teilnehmern waren nur ca. 30 frauen und unter den 6 veranstaltern garkeine, also spare ich mir einfach mal das binnen-I.

grundstück und gebäude, eine ehemalige halbleiterfabrik, gehören dem maler jonas burgert, der die räumlichkeiten an eine galerie und als ateliers an andere künstler vermietet, mit denen er auch die ausstellung organisiert hat.

und sie war toll. ein buntes kuddel-muddel an zeug, das auch ohne handout funktioniert, ohne personal, das einem alles erklärt, sogar das, was man selber sieht. viele schöne pointen, viel handwerk und viel schnell zu erfassende, vermeidlich leichte kost – sachen, die auf den ersten blick simpel aussehen und es dann trotzdem irgendwie hinbekommen, dass man nicht gleich weiter rennt, weil man ahnt, dass man sich geirrt hat.

nach 2 tagen schicke mitte-sterilität war dies natürlich eine wohltat. trotz hundert-meter-langer warteschlange fühlte ich mich sofort heimisch. an solchen orten, in schrammeligen ateliers und off-spaces, hat man sich schliesslich die letzten 20 jahre aufgehalten. orte, wo kunst entstehen kann ohne sich einem markt unterordnen zu müssen.

in galerien ist das natürlich anders. dort entsteht kunst nicht, aber das braucht sie ja auch nicht. man kann sich zwar darüber lustig machen, dass man sich in manchen berliner galerie-prachtbauten schon fragen muss, ob die kunst hier eigentlich nur zur dekoration hängt, ob es ein zufall ist, dass helmut newton in räumen gezeigt wird, die aussehen wie eine gynäkologenpraxis oder ob ein schlauchförmiges tauchbecken wie der untere showroom von eigen + art wirklich so gut funktioniert für 2 meter hohe gemälde, aber galerien sind eben orte des verkaufs und erfüllen damit erstmal eine funktion.

bei friebe klingt das aber irgendwie anders:

schon jetzt steht fest, dass das Artist Weekend, sollte es in Serie gehen, die kommerziell angeschnödete Galerienkunst vor sich her treiben und an die Wand drücken wird.

da frage ich mich, welche „kommerziell angeschnödete galerienkunst“ er meint. die künstlerliste des „artist weekends“ liest sich geradezu wie ein best-of der berliner galerienkunst.
meint friebe, dass arbeiten von martin eder bei eigen+art schnöde und kommerziell wirken und sich an einer shabby-schicken ruinenwand hängend in autonome galeriekunst-killer verwandeln?

für friebe hat letztens wochenende jedenfalls die revolution der kunst stattgefunden. er findet, die ausstellung sei

[…]ein Handstreich, eine Überrumpelung, eine Klatsche für die gesamte borniert-arrivierte Kunstwelt, in der mächtige Sammler- und Galleristencliquen das Sagen haben und mit dem prallgefüllten Portemonnaie Politik gemacht wird. Das Racket-System der verwalteten und in Claims aufgeteilten Kunstwelt wird sich von diesem Schlag auf den Musikknochen nicht so ohne weiteres erholen, und die Kunstwelt wird ab heute eine andere sein.

ich finde diesen enthusiasmus ja bewundernswert und auch das schimpfen gegen mächtige galeristen-clans und gierige sammler, da stimme ich jederzeit gerne ein, dass aber diese ausstellung das alles geändert hat kann ich mir so wenig vorstellen wie ich an die wirksamkeit von schokoladendiäten glaube.

Ist das Kunst? Das können wir auch und das können wir besser, dachten sich unsere Gefährten und aktivierten die Power, die im Netzwerk steckt: in der globalen Solidargemeinschaft sehr erfolgreicher und minder erfolgreicher Künstlerinnen, denen die wachsende Definitionsmacht von Galeristen und Kuratoren darüber, was denn bitteschön als Kunst zu gelten habe, zunehmend auf den Zeiger geht. Cut out the middlemen! Das Artist Weekend war geboren, zumindest im Kopf.

achja, dieser netzwerk-quatsch!
der wird auch schon im presstext als eine art alleinstellungsmerkmal verkauft. dort steht:

Die Kombination[…] mag disparat erscheinen, verweist aber tatsächlich sehr prägnant auf ein Phänomen, dessen Bedeutung bislang kaum thematisiert wird: der Einfluss der von Künstlern untereinander gebildeten Netzwerke.
Die Auswahl der Künstler erfolgt nicht nach üblichen kuratorischen Parametern wie konzeptionellen, diskursgetriebenen oder formalen Klammern, sondern intuitiv. Es entsteht eine hierarchielose Konfrontation, die das künstlerische Koordinatensystem der Akteure und die Kraft ihres Netzwerkes illustriert.

netzwerke als ein bisher kaum thematisiertes phänomen? vielleicht in pr-texten.
falls es einen konzeptionellen unterschied gibt zwischen ngrorongoro und anderen ausstellungen dann wohl den, das ngrorongoro das mit den netzwerken gewissermassen zu einer tugend umdeutet.
austellungen, galerien, das ganze „Racket-System der verwalteten und in Claims aufgeteilten Kunstwelt“ sind von netzwerken durchwoben. und eine ausstellung, die das netzwerk zum konzept erklärt, kann man vielleicht mit einem kuchen vergleichen, dessen qualitätsmerkmal der hefegeschmack ist. zu einer revolution der backkunst führt so ein kuchen wohl eher nicht.

ich hab selbst schon an vielen ausstellungen teilgenommen, deren kuratorisches konzept allein darin bestand, dass man befreundet war. ich finde das legitim, zumal auch ich die üblichen konstruierten konzepte selten ertrage und der abwendung der aufmerksamkeit von der künstlerIn hin zur kuratorIn schon aus eigennutz nicht so viel abgewinnen kann.

ein heilmittel für die korrupte kunstwelt ist das netzwerkprinzip aber ganz sicher nicht. die netzwerke von künstlerInnen sind ja zum teil ebenfalls korrumpiert und systembejahend. hier dreht sich auch alles um macht und erfolg und netzwerke dienen dazu, dies zu erreichen, mit kunst hat das nichts zu tun. wer als künstlerIn erfolgreich sein will oder die eigene position manifestieren organisiert ausstellungen mit möglichst vielen erfolgreichen kollegInnen, das weiss man bei ngorongoro auch.
überfliegt man dann noch die fast übertrieben prominente teilnehmerliste erscheint das gestelzte gerede von einer „hierarchielosen Konfrontation, die das künstlerische Koordinatensystem der Akteure und die Kraft ihres Netzwerkes illustriert“, nicht gerade glaubwürdig.
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schade. hätten sie geschrieben: „wir stellen unsere freunde aus, besonders die berühmten.“ hätt ichs witzig gefunden.

friebes text liest sich jedenfalls weiterhin so, als wäre er seiner eigenen faszination für erfolg und macht und große gesten auf den leim gegangen:

Angefangen hat alles damit, dass die kommerziell sehr erfolgreichen Künstler […] das 6000 Quadratmeter messende Immobilienensemble […] zum Stützpunkt für ein neues Lebens- und Kunstmodell aufrüsteten. Dazu gehört etwa der 18-Meter-Pool, den sich Andreas Golder von einem Architekten in den Innenhof betonieren ließ, „weil es geht“, und der jetzt, frisch befüllt, auf Partygäste wartet. Dazu gehört auch die in dem Areal entstandene Künstlerkommune, die arbeitsteilig hochprofessionell Rituale wie das gemeinschaftliche Mittagessen pflegt.

man wartet eigentlich die ganze zeit nur darauf, dass noch ein paar cowboys durchs bild reiten und in ihrer „show der superlative“, im kampf die gegen galeriekunst luftschüsse abgeben und „hey-ho“ rufen.

naja. vielleicht stört mich auch nur, dass nur so wenig frauen eingeladen wurden, was friebe natürlich auch mit keinem wort erwähnt hat.
netzwerke eben.

kunst begreifen

auf der eröffnung der ausstellung “Within You Without You” von inge krause gewesen, der diesjährigen trägerin des HAP-Grieshaber-Preises, der von der VG Bildkunst verliehen wird.
es wurden sage und schreibe 4 reden gehalten bevor es endlich zur fünften rede, der laudatio, kam.
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endlich geld fürs klüngeln

als ich vor ein paar tagen das erste mal vom APT gelesen hab, eine organisation die vor 10 jahren gegründet wurde, hat es mich nicht besonders verwundert. ich bin es gewohnt, immer ein paar jahrzehnte später als andere von den wesentlichen dingen zu erfahren.
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jeder ist für sich selbst verantwortlich

zu den nachbarn meiner ateliergemeinschaft am bullerdeich zählen neben dem leerstehenden hochwasserbassin auch die stadtreinigung
und direkt gegenüber ein recyclinghof.

mehrmals am tag benutzen müllwagen unsere hofeinfahrt zum wenden. mein fenster ist genau neben dem tor und mein tisch steht vor dem fenster, sodass ich jedesmal, wenn sich die piependen müllwagen rückwärts durchs schmale tor zwängen, einem grinsenden müllmann 20 cm vor meiner nase zunicken kann. Read More »

hochwasserbassin

jahrelang hatte vor unseren ateliers ein hässlicher parkplatz die aussicht versaut und dann hiess es vor etwa einem jahr plötzlich, wir würden einen park bekommen. von heute auf morgen wurde ein bauzaun errichtet und der asphalt weggerissen. mit weggerissen wurde zwar auch ein romantisches kleines wildes birkenwäldchen, das im parkkonzept offenbar nicht vorgesehen ist, aber hauptsache park. Read More »

„live-protokoll“

beim werkstattgespräch zur neubebauung des grundstücks hafentor 7 (siehe „werkstattgespräch“ und „bildzeitung gegen anwohner“ hier im blog) wurde ein sogennantes „live-protokoll“ erstellt. während der veranstaltung wurde mitgeschrieben und die eingabemaske wurde während des schreibens auf eine kleine leinwand projiziert. Read More »

bildzeitung gegen anwohner

beim workshop, bzw. „werkstattgespräch“ zur neubebauung des hafentors war leider nur ein einziger journalist anwesend. der „chefreporter“ bei der bild hamburg, jörg köhnemann. das liess nichts gutes ahnen. und tatsächlich, bereits am dienstag, nur 10 tage nach der veranstaltung, veröffentlichte er einen kurzen bericht in der bild hamburg (leider nicht online).

bereits die überschrift lautet leicht desinformierend: „Elbblick gefährdet — Anwohner gegen Hafentor-Wohnungen“. Read More »

werkstattgespräch

wer sich für den newsletter des quartiersmanagers eingetragen hatte bekam die einladung zum workshop per mail. im vorfeld hiess es zwar, dass wurfzettel verteilt werden sollten, in unserem haus wurden jedoch keine wurfzettel verteilt. auch in anderen häusern am kuhberg und eichholz nicht.
ein paar tage vor dem workshop wurden immerhin zwei aufsteller auf der strasse angebracht – dumm nur, dass die ausstellung der entwürfe, die ebenfalls auf den aufstellern beworben wurde, bereits am wochenende zuvor stattgefunden hatte.

dafür war der workshop immer noch recht gut besucht. für einen „workshop“ fast etwas zu gut, aber es war ja auch kein workshop mehr: bei der unter ausschluss der öffentlichkeit stattgefundenen sondersitzung des stadtplanungsausschusses wurde er umbenannt in „werkstattgespräch“.

das „werkstattgespräch“ war dann auch eher eine informationsveranstaltung, bei der im anschluss fragen gestellt werden konnten. frontal zum publikum sassen die initiatoren (für die firma euroland die herren horx und rocholl, sowie herr dinse von dinse feest zurl), dahinter eine leinwand für die powerpointpräsentation. ausserdem gab es einen moderator, der die wortmeldungen moderierte.

an der hinteren wand waren auch ein paar stuhl-halbkreise um improvisierte flip-charts aufgebaut, da aber das interesse des publikums gar nicht darin lag, sich irgendetwas nettes für das erdgeschoss auszudenken oder etwa die fassadenfarbe zu bestimmen sondern einzig, zu erreichen, dass das ding nicht so unproportional und hoch gebaut wird, erübrigten sich die stuhlkreise.

es gab kaffee und brötchen, stellwände mit entwürfen, visualisierungen und verschattungsstudien sowie ein stadtteil-modell. es liess sich jedoch (abgesehen von den brötchen) nichts entdecken, was nicht schon bekannt gewesen wäre.

3 stunden waren eingeplant. gut das erste drittel ging für vorträge der investoren und des architekten drauf, danach war zeit für fragen aus dem publikum bzw. eine diskussion. als der moderator nach der ersten hälfte darauf hinwies, dass nun eine mittagspause auf dem programm stünde, lehnten die anwohner mehrheitlich dankend ab.

euroland schien sich das mit der bürgerbeteiligung irgendwie anders vorgestellt zu haben. einfacher vielleicht. zumindest entstand unter den anwohnern während der veranstaltung keine allzugrosse begeisterung für das projekt. der architekt und die investoren waren nach wie vor ziemlich begeistert von ihrem projekt, allerdings weniger angetan von der immer wieder artikulierten forderung der anwohner nach einer geringeren bauhöhe.

die euroland-vertreter bemühten sich nach kräften, ihr projekt ins beste mögliche licht zu rücken. auch der achitekt plauderte munter drauflos, wie er extra auf den kichtturm gekraxelt sei, um die situation mal von dort oben zu betrachten, und wie er sich darum kümmern wolle, dass das gebäude auf der gegenüberliegenden strassenseite auch noch ein geschoss obendrauf bekommt und damit gleich hoch sei.

in diesem zusammenhang wurden wieder dieselben visualisierungen gezeigt, die in den vergangenen monaten schon öfter moniert wurden. zuletzt sogar von mitgliedern der stapla-sitzung im oktober. weitere visualisierungen, auch aus anwohnerperspektive, würden nachgereicht, hiess es damals. neu war nun lediglich eine 3D-animation, die aber ebenfalls fast ausschliesslich ansichten aus „touristenperspektive“ umfasste.

euroland beklagte, dass das projekt in verschiedenen berichten falsch dargestellt wurde. so sei zum beispiel von eigentumswohnungen nie die rede gewesen, man sei sogar bereit, dies vertraglich zuzusichern. daraufhin erklärte ein anwohner, dass es für die meisten bürger überhaupt keine rolle spiele, ob dort nun eigentumswohnungen oder wohnungen zu hochpreismieten entstünden.

ein weiterer aspekt, mit dem euroland zu punkten versuchte, war der „biosupermarkt“. im laufe der veranstaltung wurde der „biosupermarkt“ fast zu einer art running gag.
bei der stadtteilkonferenz im september hatte ein anwohner als spontane idee für die erdgeschossnutzung des neubaus einen biosupermarkt vorgeschlagen und daraus machte euroland nun gewissermassen das hauptglied ihrer argumentationskette: sie wollten einen biosupermarkt, wir setzen das für sie um – wie sie sehen, hören wir auf sie, also was wollen sie denn jetzt noch?!
es seien sogar bereits gespräche mit potenziellen betreibern geführt worden und sei zu dem schluss gekommen, dass man an diesem ort so etwas profitabel betreiben könne.
doch so aufmerksam euroland auf einen einzelnen einwurf wie „biosupermarkt“ hörte, so taub gab man sich auf mehrfach geäusserte aussagen wie „zu hoch“ oder „zu klotzig“.

fast jede anwohner-wortmeldung forderte einen verzicht auf ein bis zwei stockwerke. ohnehin schon schmale strassen würden verengt, gegenüber liegende gebäude verschattet, vorhandene grünfläche überbaut und verschiedene blickachse zum hafen verstellt.
aber nichtmal das nutzungskonzept schaffe für die bewohner des viertels einen erkennbaren mehrwert. weder inhaltlich noch formal nehme der geplante neubau einen echten bezug auf das viertel und die interessen der anwohner.
wenn euroland tatsächlich, wie es vorgibt, an einem guten auskommen mit den bewohnern des viertels gelegen ist, sollte es den bewohnern ein stück weit entgegenkommen und zwei oder mindestens ein geschoss niedriger zu bauen.

auf die frage „ist es denn für sie denkbar, ein geschoss weniger zu bauen?“ hiess es, die planung sei schon zu weit fortgeschritten, man müsse dann ja alles nochmal überarbeiten, das sei schlecht möglich. einen alternativ-entwurf gebe es leider auch nicht. ausserdem könne man schliesslich auch nicht jeden einzelfall berücksichtigen (bloss weil einzelne ihre schöne aussicht verlieren, könne man ja nicht ein derart komplextes projekt einfach umwerfen).

die bitte einer anwohnerin, die mehrheitliche kritik an der höhe des geplanten neubaus doch ernst zu nehmen und nicht als „einzelfälle“ kleinzureden, führte in der antwort von karsten horx auf direktem wege wieder zurück zum biosupermarkt.

ein weiteres argument der euroland-vertreter gegen eine niedrigere kubatur war die finanzierbarkeit. dies wurde bereits bei der stadtteilkonferenz diskutiert, als sich euroland um verständnis dafür bemüht hatte, dass eine gewisse größe und höhe unumgänglich sei. man habe das grundstück zu einem sehr hohen preis erworben und irgendwie müsse das geld schliesslich auch wieder reinkommen.

was bei dem „werkstattgespräch“ allerdings ans licht kam war die nicht ganz nebensächliche information, dass euroland noch gar nicht die gesamte fläche gehört, auf der sie zu bauen planen. um so bauen zu können wie geplant, muss euroland noch grund und boden von der stadt hinzu kaufen und ist darauf angewiesen, dass die stadt ihr dabei preislich entgegen kommt. tut die stadt dies nicht würde das projekt möglicherweise scheitern.

mit 50% gefördertem wohnraum und der wohnraum-für-menschen-mit-behinderung-trumpfkarte hofft euroland nun die stadt in eine lage zu bringen, in der sie ihnen entgegen kommen muss.

vor diesem hintergrund erschien die diskussion um die höhe in korrelation zur finanzierbarkeit natürlich in einem ganz neuen licht. ein anwohner meldete sich zu wort und fragte, wieso es eigentlich die bürger ausbaden müssten, wenn ein investor zuviel geld für ein grundstück ausgegeben habe. es sei doch bedenklich, dass selbst wenn die stadt den investoren entgegen käme, indem sie den hinzukauf von billigem grund ermögliche, eine optimale geschossflächennutzung trotzdem nur durch eine maximal hohe bebauung erzielt werden kann. eine bauhöhe, die in dieser höhe im viertel bisher noch gar nicht möglich war und nur durch änderung der bebauungspläne (derzeit ausgewiesen als grünfläche) möglich würde.

im laufe der diskussion wurde die befürchtung geäussert, dass sich möglicherweise niemand „traue“ ein projekt, das günstigen wohnraum für „behinderte“ schaffe, zu kritisieren. sogesehen sei ein wohnkonzept für menschen mit behinderung und ältere mitbürger auch als eine form von erpressung wahrnehmbar.

an die anwesenden politiker wurde der vorwurf gerichtet, dass die stadt bisher kaum ernsthaft an der förderung solchen wohnraums für menschen mit behinderung interessiert gewesen sei, da die potenziale für solche projekte in der nahegelegenen hafencity noch nicht mal ansatzweise ausgeschöpft wurden. auch in der „neuen mitte“ von altona sei bisher von solchem geförderten wohnraum nichts zu erkennen.

nichts spreche gegen die vergabe von 50% der §5-schein-wohnungen an einen behindertenverband, aber der bedarf des hafenviertels könnte diesen geförderten anteil des neubaus ebenfalls problemlos füllen. schliesslich benötigen nicht nur die allerärmsten in unserer gesellschaft hilfe, sondern auch die “ein-bisschen-armen” oder kinderreiche familien.

nicht ganz so klug wie die diskussionsbeiträge aus dem publikum waren die des GAL-fraktionsvorsitzenden michael osterburg. dieser schien auch ausgesprochen verständnislos für die mehrheitliche ablehnung der 7 geschosse und machte aus seiner begeisterung für das projekt und die firma euroland keinen hehl.

einzelnen gespächsbeiträgen aus dem publikum zu folgen ist sicher auch nicht so einfach, wenn man während der gesamten diskussion an seinem i-phone und i-pad rumdaddelt oder kaffee holen ist – dass sich der GAL-mann aber nichtmal die mühe machte, aufzuschauen, als ein teilnehmer der veranstaltung die anwesenden politiker direkt ansprach, war schon etwas irritierend.

die herablassung mit der er das anwesende publikum zurecht wies: „sie wollen keinen biosupermarkt, keine landkarten, keine gastronomie – langsam müssen sie sich aber schon mal überlegen, was sie eigentlich wollen!“ war ebenfalls erstaunlich.

immerhin sorgte er für einen guten lacher als er das publikum belehrte, dass man sich doch freuen könne, wenn auf diese weise auch mal menschen mit behinderung einen elbblick bekämen.
was herr osterburg hierbei übersah war, dass sich der geförderte wohnraum nur über die unteren stockwerke erstrecken soll, während der elbblick nur menschen mit entsprechendem einkommen vorbehalten sein wird. andererseits gibt es natürlich auch menschen mit behinderung und vermögen, vielleicht meinte er ja die.

osterburg schien die interessen der anwohner vor allem für lächerlich, egoistisch und allgemein ignorierenswert zu halten. man fragte sich, ob osterburg hinter irgendeiner unsichtbaren karotte herrennt, die ihm euroland vor die nase hält, ob er euroland einfach so knorke findet oder ob ihm bürgerbeteiligung einfach grundsätzlich zuwider ist.

euroland dagegen meint es tatsächlich ernst mit der bürgerbeteiligung. man will auf jeden fall den eindruck vermeiden, dass man an den interessen der bürger vorbei agiere. allerdings ist die vorstellung von bürgerbeteiligung bei euroland eine etwas andere als bei den betroffenen: euroland möchte die bürger von ihren plänen überzeugen, die bürger möchten die pläne ändern und die negativen auswirkungen auf das viertel möglichst gering halten.

der anschein von bürgerbeteiligung und akzeptanz ist natürlich auch enorm wichtig für die weiteren verhandlungen von euroland mit der stadt und der verwaltung. er ist neben den 50% geförderten wohnraum und der (angeblichen) verbesserung der s-bahn-eingangssituation das pfund mit dem euroland in den verhandlungen zu wuchern gedenkt.

es bleibt zu hoffen, dass zumindest ein paar der anwesenden vertreter der verwaltung und der politik anders gestrickt sind als michael osterburg und das, was die anwohner erstaunlich sachlich vorgetragen haben, ernstnehmen und mit in die weiteren verhandlungen mit euroland einbringen. schenkt man den worten des SPD-vertreters arik willner und des leiters des zuständigen stadtplanungsamts michael mathe glauben, könnten die verhandlungen für euroland komplizierter als erwartet verlaufen.

felix schwenzel und katia kelm

ausflugstipp

heute, am Samstag, den 11.02.
von 11:00-14:00 Uhr
Im Haus der Jugend, Stintfang,
Alfred Wegener-Weg 3, 20459 Hamburg

findet das sog. “Werkstattgespräch zur Neubebauung des Grundstücks Hafentor 7″ statt.
Anwohner und Hamburger Bürgerinnen und Bürger wurden hierzu vom Investor EUROLAND zur Mitsprache eingeladen.

Davor findet außerdem eine Begehung des Standortes mit EUROLAND von 9:30-10:30 Uhr statt.

update hafentorbebauung

heute und morgen (am samstag, den 4.2. und sonntag, den 5.2.) findet zwischen 15 und 18 uhr eine kleine ausstellung der pläne sowie eines modells des geplanten neubaus direkt am hafentor 7 statt.

ein empfehlenswerter abstecher auch für durchgefrorene sonntagsspaziergänger zumal es bei frau oelker, der dort bis zum abriss noch residierenden malerin, sogar glühwein gibt.