leises gebrüll im weissen raum und die wartemarke

mein neues atelier ist mal wieder eine ziemliche absteige. die wände sind aus pappe und die böden mit braunem packpapier ausgelegt. es gibt keine fenster aber ein riesiges tor, was die eine längsseite des ateliers zur strasse hin öffnet. wenn das tor offen ist steht man praktisch auf der strasse. die passanten könnten herein kommen und damit sie das nicht tun habe ich mehrere lagen aus packpapier von der decke runter gehängt.

es gibt aber auch eine tür zum nachbarraum, einem grossraum-atelier das sich ein paar künstlerinnen teilen. es wird der „weisse raum“ genannt weil es ganz und gar weiss gestrichen ist. auch der boden.
der weisse raum wird auch, wie mein atelier, längsseitig, zur strasse hin von einem der beiden torflügel begrenzt.
beim betreten muss man seine schuhe ausziehen damit der boden keine flecken bekommt und man darf auch nur kunst darin machen, die keinen schmutz verursacht.
ich weiss garnicht, was die derzeitigen mieterinnen so machen, eine malt soweit ich gehört habe karopapier-kästchen aus und eine andere liest dort nur.

heute ist sonntag. normalerweise bleib ich sonntags zuhause aber heute bin ich zufällig in der gegend und sehe, dass das tor zu meinem atelier weit geöffnet steht während der torflügel vom weissen raum wie immer geschlossen ist.

ich wurschtel mich durch die altpapierlagen und stehe vor dem totalen chaos. offenbar hat hier letzte nacht eine party stattgefunden. alles steht voller flaschen und aschenbecher. der fussboden ist zerfetzt und in den regalen zwischen meinen arbeiten liegen umgekippte gläser. ein paar vitrinen stehen offen und der inhalt fehlt.

ich trete mit der fussspitze ein paarmal gegen die tür zum weissen raum. jemand macht mir auf, ein fahrradkurier, er grunzt: „hi!“
ich brülle „jemand da?“ während ich mich an ihm vorbei drängle.

der riesige raum ist mit weissen designermöbeln ausgestattet und hinter einem ikea-raumteiler sitzen 6 leute im kreis, alle im schneidersitz, und meditieren. ich halte etwas abstand und brülle: „ihr arschgeigen!“
niemand blickt auf.
ich brülle, dass sie ihre scheiss-parties gefälligst in ihrem eigenen scheiss-atelier feiern sollen, aber weil der fahrradkurier mir von hinten zuflüstert, dass ich doch vielleicht mal etwas diplomatischer vorgehen sollte, wenn ich mich nicht komplett unbeliebt machen wolle, versuche ich leiser zu brüllen.

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felix und ich sind auf der suche nach einem parkplatz. es regnet und wir fahren schon seit stunden im kreisverkehr. die gebäude drumrum sind lauter abfertigungsschalter über denen große leucht-displays angebracht sind, die die nächsten kunden aufrufen.

es werden allerdings keine zahlen sondern farbkombinationen abgebildet. auf einem display blinkt zum beispiel gerade die kombination grün-grün-gelb-rot.

unsere wartemarke hat den code gelb-grün-rot-rot und während wir immer noch wie die bekloppten im kreis fahren und nach einem parkplatz ausschau halten vergleiche ich panisch den zettel mit den vorbei fliegenden displays.

irgendwann hat felix den einfall, ich könne ja schonmal aussteigen während er nochmal woanders nach einem parkplatz sucht.
ich stelle mich also in die mitte der verkehrsinsel, drehe mich um meine eigene achse und versuche alle displays im auge zu behalten. dabei vergesse ich ständig unsere eigene kombination und ausserdem wird mir langsam übel.
als mich eine passantin anspricht und auffordert, mit ihr in den tierparkt zu kommen, willige ich erleichtert ein.

der tierpark ist ein normaler park, dessen wege von hohen, glatt geschnittenen hecken gesäumt sind. nur dort wo normalerweise tiergehege wären sind hier fensterartige öffnungen in die hecke geschnitten durch die man auf leere, durch hecken begrenzte flächen blickt.

überhaupt ist es ziemlich leer im park. erst kurz vor dem ausgang scheinen sich die besucher plötzlich gestaut zu haben. der weg geht hier im 90 grad winkel steil bergab und wird zu einer etwa zwanzig meter tiefen wand aus sand. an ihr entlang stapeln sich die tierparkbesucher, alle ausgestattet mit wartemarken.
ich wühle in meiner tasche, kann die marke aber nicht finden. stattdessen sehe ich kleine paprika-stücke die jetzt an meinen fingerspitzen stecken: gelb-grün-rot-rot.
als ich mich am ende der schlange anstellen will merke ich, wie ich mich unwillentlich viel schneller bergab bewege als die anderen wartenden. während ich an ihnen vorbei falle höre ich, wie sich einige beschweren:
„na das ist ja mal wieder tüpisch katia kelm! das kennen wir ja schon!“

aufgewacht.

A WIE ATELIER (LETZTER TEIL)

2009-2012 bullerdeich 7

seit dem ausschläger weg kam ich nie wieder richtig auf die beine. ich hatte mich dort komplett verausgabt und konnte trotzdem zuletzt die miete nicht mehr bezahlen. kurz bevor ich kündigte klapperte ich nochmal ein paar leute ab, die sich zuvor besonders interessiert gezeigt hatten. so hatten mir zb. gleich zwei galeristen unabhängig voneinander ein festes gehalt angeboten. als bedingung hätte ich mich allerdings exklusiv verpflichten müssen, was ich nicht wollte. einen von denen rief ich nun an: wir könnten den deal jetzt doch machen. um mein atelier behalten zu können würde ich das mit der exklusivität in kauf nehmen.
achso – äh – das angebot müsse er leider zurück ziehen.
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A WIE ATELIER (TEIL II)

(erster teil hier)

1999-2002 ausschläger weg 68

nach dem diplom bezog ich zusammen mit nándor angstenberger, philipp schewe und anna guðjónsdóttir einen raum im dritten stock eines abgehalfterten bürogebäudes, wieder in hammerbrook.
gelochte deckenverkleidungsplatten, summende neonröhren und ein ausblick über die dächer der benachbarten autoumlackierbetriebe – als alte industrieromantikerin hab ich den ort sehr gemocht. mittags gabs cevapcici in der „pantry“: ein chinese spezialisiert auf traditionelle deutsche imbisskost.
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A wie Atelier (Teil I)

meine ateliers

1993-1995 naturdarmfabrik wendenstraße 45, hammerbrook

um an der hochschule einen arbeitsplatz zu ergattern musste man sich als erstes aus einem pool von männern im präklimakterium einen prof aussuchen und regelmässig zu dessen audienzen erscheinen. das fiel schonmal nicht leicht, weil kaum einer der zur auswahl stehenden wirklich interessant war. dann musste man regelmässig die eigenen arbeiten vorzeigen und darauf hoffen, nicht allzu schlimm beleidigt zu werden und stattdessen irgendwie interesse zu erregen. als frau war es ausserdem noch von vorteil gut auszusehen. hatte man dies alles abgehakt konnte man einen tisch beziehen.
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