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würde ich ihn immer noch lieben? – eine ode ans online-dating

ich hatte mal ne freundin die wollte hackerin werden. sie hatte einen hang zu waghalsigen karriereplänen. als ich sie kennenlernte plante sie gerade, klavierlehrerin zu werden obwohl sie garnicht klavierspielen konnte. sie kaufte sich ein klavier und wollte dann stunden nehmen. wie weit sie tatsächlich dabei kam erinnere ich nicht mehr.

ein anderes mal beschloss sie, weil sie gesellschaftsspiele mochte, croupière zu werden. sie war, als sie dieses vorhaben anging, bereits mutter eines teenagers und obendrein wieder schwanger.
weil sie sich im alltag eher kleidete wie eine obdachlose besorgte sie sich ein kostüm und eine handtasche und bewarb sich für eine ausbildung. sie wurde genommen und verbrachte von nun an ihre nächte im spielkasino. so lange bis der bauch nicht mehr zu übersehen war, dann flog sie raus.

das projekt hackerin verlief ähnlich wie ihre klavierspielkarriere: sie besorgte sich eine alte computer-möhre, liess sich von einem freund die nötige software draufspielen und einen AOL account einrichten. damit kam sie genau bis zur AOL homepage wo sie das chatten entdeckte und von nun ab ihre nächte in den chaträumen von AOL verbrachte.
dort lernte sie einen mann kennen mit chatnamen rosi. ihre liebe dauerte zwei jahre ohne dass sie sich je trafen, geschweige denn ein fotos gesehen oder ihre stimmen gehört hätten.
nach 2 jahren kam er dann von dortmund nach hamburg hochgefahren. vorher hatten wir tagelang gemeinsam in cafés gesessen und „geübt“ indem sie sich auf der strasse die unattraktivsten männer suchte, sich vorstellte, das sei rosi und sich dann fragte: würde ich ihn immer noch lieben?

als er kam hörte ich mehrere tage nichts mehr von ihr. ich war kurz davor, die kriminalpolizei zu verständigen als sie endlich anrief: das üben hatte nichts genützt. er sah NOCH schlimmer aus.

abgesehen davon konnten sie kaum miteinander reden. als er ihre wohnung betrat war seine erste frage, ob er mal kurz seine mails checken könne. er setzte sich an ihren rechner und loggte er sich im AOL-chat ein.

mein erster computer war ein roter imac. ich war mitten im studium und kaufte ihn mir in erster linie um damit zu schreiben. briefe, mails und förderanträge.
ich war 27, seit 2 jahren mutter und ich lebte mit meinem kind alleine.

als um die jahrtausendwende die ersten dating portale online gingen liess ich mir das natürlich nicht entgehen. was könnte aufregender sein als sich nachts um 2 nochmal anzuziehen um sich mit einem wildfremden in einer bar auf einen drink zu treffen?

nicht dass ich schwierigkeiten gehabt hätte, im „realen“ leben leute kennenzulernen. aber wer seine freizeit hauptsächlich auf spielplätzen oder – noch schlimmer – in der kunstszene verbringt hat bei der männersuche natürlich nicht die besten karten.
für die abgelegten männer anderer mütter hatte ich schon genug probleme und künstler sind leider zu gefühlten 90% chauvis.
das internet dagegen ist wie die strasse: man trifft dort fast jeden.
und weil die meisten muttis der kindergartengruppe meines sohnes abends auch zuhause nicht wegkamen und nichts besseres vorhatten traf man sich eben beim männerfischen im netz.

wozu auch in eine bar gehen wenn man zuhause vom sofa aus genau dasselbe machen konnte? sogar viel besser: während man sich durch die profilbilder potentieller sexualpartner klickte konnte man ungeduscht und ungeschminkt in unterhose zwischen wäschebergen und dreckigem geschirr lümmeln, billigen wein trinken, musik hören die man gut fand, und am telefon ne freundin, die einem vom letzten date berichtete und mit der man sich gegenseitig die beklopptesten selbstbeschreibungstexte vorlas.

vordergründig ging es um sex und ums sich-verlieben aber eigentlich war es viel mehr. die neuen „kontakte“ veränderten auch den alltag. man ging plötzlich auf andere parties, es entwickelten sich komplett neue freundeskreise.
wie die männer die ich kennenlernte hiessen hab ich vergessen. stattdessen fand ich aber eine neue freundin und die wiederum lernte durch mich jemanden kennen, mit dem sie später eine familie gründete.
einer den ich anbaggerte wurde zwar nicht mein neuer freund, dafür aber mein neuer vermieter.
ich erlebte ein paar haarsträubende abenteuer, eigene und die man mir erzählte, und ich gehörte zu den wenigen alleinerziehenden wo abends nie der fernseher lief.

meine online-dating-zeit dauerte etwa 2 jahre – bis ich das bloggen entdeckte und anfing, die geschichten aufzuschreiben.

seit etwa einem halben jahr arbeite ich jetzt an einer neuen portraitserie, die noch keinen titel trägt und die ich wohl nie veröffentlichen werde.

die idee entstand nachdem mir auf einer party jemand von okcupid erzählte, einer kontaktbörse wo man sich auf der basis von multiple-choice fragen potentiell passende partner ausrechnen lassen kann.
ich meldete mich sofort am nächsten tag an und beantwortete einen haufen fragen. anschliessend sah ich mir die menschen an, die der algorithmus mir zuordnete und beschloss die prägnantesten zu malen. männer und frauen.
es handelt sich in den meisten fällen um selfies, ich portraitiere also selbstportraits, die entweder vor dem spiegel gemacht wurden oder mitausgestrecktem arm. ich portraitiere sie auf unterschiedliche weise: manche annähernd fotorealistisch, andere subjektiv „verbessert“. es ist eine reihe von 10 portraits, 7 sind jetzt fertig.

vor ein paar tagen hat mir ein atelierbesucher nun von einer ausstellung in der hamburger kunsthalle berichtet, bei der ebenfalls profilbilder in kontaktbörsen als bildvorlagen genutzt wurden.

die ausstellung wurde aufgrund einer anzeige einer der portraitierten und anschliessendem gerichtsurteil offenbar kurz nach der eröffnung geschlossen. auch der katalog wurde eingestampft.

beim recherchieren bin ich dann auf einen blogartikel der klägerin gestossen in dem sie, wie ich finde, nachvollziehbar beschreibt, warum sie sich entschlossen hat, zu klagen.

von der ausstellung lässt sich logischerweise nicht mehr viel material finden, das was ich fand schien mir jedoch recht weit entfernt zu sein von meiner postion. im pressetext steht:

Die Gesichter dieser durchschnittlichen Frauen sind nicht unbedingt nur hübsch. Betreten und auch etwas traurig blicken sie den Betrachter an, während ihre Kopfhaltung kokett wirkt. Diese Bilder, die Männern (und Frauen) als Projektionsfläche für die Kontaktaufnahme dienen, konfrontiert Ingrid Beckmann mit Texten, die in diesen Internetforen zur Selbstdarstellung dienen. Diesen Texten stellt sie auf einer zweiten Ebene Dialogfetzen aus Chat-Unterhaltungen gegenüber, die Zeugnis ablegen von einer Sehnsucht nach Kommunikation, sowie von Einsamkeit, Verkrampfung und Begehren.

trotzdem. das letzte, was ich möchte, ist meine portraitierten blossstellen. ich möchte niemanden diffamieren und schon garkeine rechtlichen auseinandersetzungen. damit hat meine arbeit inhaltlich auch überhaupt nichts zutun.

aus diesem grund habe ich vorbeugend beschlossen, die arbeiten niemals auszustellen und sie auch nicht auf meiner webseite abzubilden.

was bleibt sind ein paar unveröffentlichte bilder und dieser text.

platzhalter für ein bild aus der reihe "machtes" (arbeitstitel), 2014, öl auf leinwand

kunstblogs

kunstmagazine und bildbände sind teuer. und wer liest kunstmagazine und kunstbücher in erster linie? natürlich künstler. also die die eigentlich nie geld haben.
das kunstforum zb. abonnierte ich während des studiums, hauptsächlich wegen der ausschreibungen.
eine ausgabe des kunstforums kostete damals 35 DM, heute 20 €. es erscheint vierteljährlich und die ausgaben sind in der regel ca. 3 cm dicke taschenbücher (ungefär die hälfte davon ist werbung).
neben dem kunstforum hatte ich ein abo des schweizer kunstbulletins, der texte zur kunst und natürlich der art (für hamburger fast eine lokalzeitung).
ganze schrankwände standen voll mit dem zeug weil das einhalten von fristen (kündigung des kunstforumabos nur 1x im jahr) nie meine stärke war.
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ist zwar von gestern aber bringt es auf den punkt

Für jene, die sich nicht mit dem Thema beschäftigt haben, ist es schwer zu glauben: Morgen wird der Bundestag mit den Stimmen von CDU und SPD ein Gesetz verabschieden, das die Gewaltenteilung zwischen Judikative, Exekutive und Legislative aufhebt. Jene Gewaltenteilung, die in Art. 20 des Grundgesetzes festgeschrieben ist.

Im scheinbaren Kampf gegen Kinderpornografie werden künftig die Ermittler der Landeskriminalämter entscheiden, was ungesetzlich ist und was nicht – ganz ohne Richterspruch. Sie werden eine Liste von Internetseiten erstellen, die gesperrt werden. Diese Liste wird nicht öffentlich zugänglich sein, die Betreiber der betroffenen Seiten werden nicht informiert. Wer diese Seiten besucht, gleichgültig ob absichtlich oder zufällig, dessen Daten werden protokolliert – ohne sein Wissen.
Es ist ein Dammbruch für die Demokratie …

thomas knüwer im handelsblatt via anke

und ich gehe samstag definitiv zur demo

heute mal ein bischen anti-wahlwerbung

aus gegebenem anlass:

via batz

(besonders schön auch die bilder vom publikum in dem offenbar jede menge spd-wähler sitzen)

[NACHTRAG 22.7.09]
hallo “anti wahlwerbung” googler,
ihr seid hier ganz falsch. ich geh wählen und kanns nur jedem empfehlen.
ich hab das mit der “anti wahlwerbung” im vergleich zu diesen deppen hier allerdings ironisch gemeint. ironisch.

artikel in der netzeitung dazu

warum ich blogge

vor kurzem hat mir ein befreundeter künstler abends beim wein in erklärt, wieso künstler keine eigene webseite haben sollten. zumindest keine selbstbetriebene. das könne nämlich den anschein erwecken, man habe “es nötig”, man habe keine galerie, die das für einen besorge. ein erfolgreicher künstler liesse seine arbeiten, wenn überhaupt, nur über die galerie ins netz stellen. wenn man das selber mache sei das ein anzeichen dafür, dass es nicht so gut laufe. und den anschein dürfe man ja auf keinen fall erwecken.
das sei zwar scheisse aber was wolle man machen. “entweder du spielst mit oder du bist raus.” Read More »

interessanter kommentar von herrn ichichich zum thema internetsperren

und wenn johnny häusler mal der geduldsfaden reisst – muss man das auch unbedingt gelesen haben

popkulturjunkie: “solche Politiker kann ich nicht wählen.”