{"id":4832,"date":"2017-04-30T12:31:07","date_gmt":"2017-04-30T10:31:07","guid":{"rendered":"http:\/\/katiakelm.de\/blog\/?p=4832"},"modified":"2021-11-28T13:44:43","modified_gmt":"2021-11-28T11:44:43","slug":"gross-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/2017\/04\/30\/gross-machen\/","title":{"rendered":"gross machen"},"content":{"rendered":"<p>ich habs glaubich schon \u00f6fter erw\u00e4hnt. in den fr\u00fchen neunziger jahren war an der hamburger hochschule f\u00fcr bildende k\u00fcnste der beliebteste ratschlag aller profs, egal mit wem man sprach: \u201emachs mal in gross\u201c.<br \/>\n\u201emach mal mehr davon\u201c war der zweitbeliebteste, und mehr zu machen ist ja auch eine vergr\u00f6sserung.<br \/>\nwenn man dann noch die tatsache hinzuzieht, dass etwa 90% dieser ratgeber m\u00e4nner waren, gibt das vielleicht zu denken.<!--more--><\/p>\n<p>diese eher schlichten ratschl\u00e4ge unserer damaligen profs sind bis heute running gag unter den ehemaligen kommilitonen. ich schwankte damals zwischen viel verachtung und wenig respekt aber irgendwann pendelte es sich doch ein und ich probierte es doch mal aus mit dem \u201egross\u201c oder \u201emehr\u201c.<\/p>\n<p>der kritikpunkt an dieser expansions-methode ist ja, dass es sich hierbei ausschliesslich um einen effekt handelt. man nimmt irgendein unbedeutendes bild und bl\u00e4st es einfach nur riesengross auf \u2013 und alle so: toll!<br \/>\nstattdessen k\u00f6nnte man ja vielleicht auch mal sagen: \u201emach mal in klein\u201c um dann zu gucken was \u00fcbrig bleibt. falls nichts \u00fcbrig bleibt ist es vielleicht ja einfach schrott?<\/p>\n<p>leider funktioniert so aber dieser markt. die kunstmessen sind voll mit aufgebl\u00e4htem scheiss. insofern bezogen sich die ratschl\u00e4ge der profs, mal \u201ein gross zu machen\u201c, also klar auf die bed\u00fcrfnisse des marktes. was ja ok ist, nur: <em>mehr<\/em> wurde an der hochschule damals \u00fcber markt-mechanismen nicht geredet.<br \/>\nund wenn in den arbeitsbesprechungen etwas, die kommerzialisierung betreffendes reinfloss, dann <em>ohne<\/em> dass es als derartiges gekennzeichnet wurde. es wurde also nicht gesagt \u201ekatia, mach grosse sachen, weil die galeristen keine kleinen sachen wollen, grosse bringen mehr\u201c sondern es wurde gesagt: \u201ewenn du die arbeit verbessern willst machs gr\u00f6sser\u201c.<br \/>\ngro\u00df war f\u00fcr diese m\u00e4nner gleichbedeutend mit gut.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full\" src=\"http:\/\/katiakelm.de\/wp-content\/uploads\/larry.gif\" width=\"900\" height=\"647\" \/><\/p>\n<p>viele profs \u00fcbertrugen diese phallische denkweise aber auch noch auf andere aspekte ihrer t\u00e4tigkeit, zum beispiel indem sie nur m\u00e4nnliche studenten f\u00fcr preise und ausstellungen vorschlugen. wochenlang wurde in meiner klasse \u00fcber die ausstellungsprojekte der m\u00e4nnlichen kommilitonen geredet und wir frauen sassen da und hofften, dass wir auch irgendwann mal dran k\u00e4men.<\/p>\n<p>andere profs benutzten in arbeitsbesprechungen ua. den begriff \u201efrauenkunst\u201c. anders als dieser <a href=\"http:\/\/universal_lexikon.deacademic.com\/239645\/Frauenkunst\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">lexikoneintrag<\/a> den begriff definiert, wurde er zu meiner studienzeit viel schwammiger und klar negativ gewertet. frauenkunst galt als etwas, was sich den eher privateren, \u201eweicheren\u201c und daher vorgeblich unwichtigeren themen widmete mit organischen, also auch eher weichen materialien wie latex, wachs, ton, stoff, haar, knochen oder \u00e4hnlichem.<br \/>\nzu den k\u00fcnstlerinen, die derart kategorisiert wurden, z\u00e4hlten bezeichnenderweise aber wieder ALLE damals angesagten frauen: kiki smith, louise bourgeois, eva hesse, cindy sherman, marina abramovic\u2026<br \/>\nnagut, hanne daboven vielleicht gerade nicht.<\/p>\n<p>ausgerechnet marina abramovic war aber zu dieser zeit eine der wenigen professorinnen an der hochschule. und sie war als k\u00fcnstlerin international viel erfolgreicher als ihre m\u00e4nnlichen kollegen. ebenso kiki smith, die eine kurze gastprofessur hatte.<br \/>\nund ich war dabei als besagter \u201efrauenkunst\u201c-professor einmal komplett ausflippte und der smith \u00fcber die ganze etage hinterher br\u00fcllte: \u201eyou are NOT an artist, you are\u2026 a moralist!\u201c<\/p>\n<p>alles in allem war es an der hochschule damals nicht einfach, frau zu sein. wir fanden frauen wie kiki smith grossartig, wollten aber auf keinen fall gefahr laufen, auch \u201efrauenkunst\u201c zu produzieren.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/katiakelm.de\/blog\/2017\/04\/30\/gross-machen\/verbrechena\/\" rel=\"attachment wp-att-4846\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-4846\" src=\"http:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-content\/uploads\/verbrechenA.jpg\" alt=\"\" width=\"898\" height=\"626\" 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(hinterher nahm er eine studentin mit ins bett.)<br \/>\nund es gab auch immer wieder frauen, die sp\u00e4ter auf diese weise (saufen, feiern, grosskotzig sein) noch ganz erfolgreich wurden.<\/p>\n<p>mir fiel es auch nicht schwer. ich konnte auch so einige kollegen unter die tische saufen und ich war auch ganz gut in grossen gesten oder zumindest in grell und in laut. ich musste mir das garnicht vornehmen, im herzen bin ich proll. und mein selbstbewusstsein, zumindest im bezug auf meine arbeit, war auch immer ganz stabil.<\/p>\n<p>nach abschluss des studiums, auf dem freien markt, funktionierte es aber pl\u00f6tzlich nicht mehr so gut. langsam fand ich es anstrengend, immer unter beschluss zu sein, immer bereit zu sein zur\u00fcck zu schiessen. permanente gegenseitige provokation und gegenseitiges bel\u00fcgen.<\/p>\n<p>einmal machte mich sogar ein m\u00e4nnlicher kollege darauf aufmerksam, dass ich <i>als frau<\/i> zu unbescheiden sei. ich solle mich mal lieber wieder etwas kleiner machen.<\/p>\n<p>im fr\u00fchjahr 2001 nahm ich an der ausstellung \u201eziviler ungehorsam\u201c teil, eine andere frau und ich als einzige neben 41 m\u00e4nnern. in der frankfurter rundschau schrieb dazu der autor frank keil:<\/p>\n<blockquote><p>Weniger geeignet f\u00fcr diese Art des unerschrockenen Abarbeitens am Elend der Welt, ist offensichtlich die Arbeit von K\u00fcnstlerinnen. Nur zwei haben es \u00fcberhaupt in die Ausstellung geschafft: Von Martha Rosler sind ihre Collagen zu Zeiten des Vietnam-Kriegs zu sehen, Kampfszenen gemixt mit Einrichtungstipps f\u00fcr das amerikanische housewife. Die junge Hamburger K\u00fcnstlerin Katia Kelm hat dazu nicht unpassend einen Bettvorleger aus Eisb\u00e4r und Hausfrau geknetet; nebenan schweben f\u00fcnf Geier am Laufband \u00fcber einem wogenden, goldgelben Kornfeld; jedes B\u00fcschel, jede Feder echte Handarbeit. Viel, viel M\u00fche steckt da drinne; und h\u00fcbsch anzusehen ist es auch.<\/p><\/blockquote>\n<p>auf der einen seite also die m\u00e4nnlichen kollegen mit ihrem \u201ezivilen ungehorsam\u201c \u2013 auf der andere eine frau, die sich \u201eviel, viel m\u00fche\u201c gibt.<br \/>\nich frage mich aber auch, ob begriffe wie \u201ehandarbeit\u201c, \u201em\u00fche\u201c und \u201eh\u00fcbsch anzusehen\u201c, auch in den beschreibungstexten von arbeiten von m\u00e4nnern stehen.<\/p>\n<p>\u2014<\/p>\n<p>heute habe ich die gro\u00dfen gesten, die ich in den ersten jahren nach der hochschule noch praktiziert hatte, weitgehend abgelegt. sie sind mir inzwischen eher peinlich.<br \/>\nich hatte aber ja auch keine ahnung und musste mir das, was wir an der hochschule nicht gelernt hatten (also sogut wie alles) erstmal selbst beibringen.<\/p>\n<p>was die grossen gesten betrifft hab ich inzwischen sowas wie verh\u00e4ltnism\u00e4ssigkeit gelernt. ich bau schon lange keine skulpturen mehr, die nicht durch die t\u00fcr gehen oder durchs treppenhaus. ich realisier keine projekte mehr, die die mietzahlung f\u00fcr meine wohnung und das atelier gef\u00e4hrden und die gr\u00f6sse meiner bilder orientiert sich an der gr\u00f6sse des ateliers.<br \/>\ndas mag uncool klingen, spiessig, \u201em\u00e4dchenhaft\u201c, aber mir ist das \u00fcberleben inzwischen wichtiger als \u201eauf gross\u201c zu machen.<\/p>\n<p>nur m\u00fche geb ich mir immer noch.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full\" src=\"http:\/\/katiakelm.de\/wp-content\/uploads\/diemaennerunddersuff.gif\" width=\"900\" height=\"613\" \/><\/p>\n<div class=\"syndication-links\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ich habs glaubich schon \u00f6fter erw\u00e4hnt. in den fr\u00fchen neunziger jahren war an der hamburger hochschule f\u00fcr bildende k\u00fcnste der beliebteste ratschlag aller profs, egal mit wem man sprach: \u201emachs mal in gross\u201c. \u201emach mal mehr davon\u201c war der zweitbeliebteste, und mehr zu machen ist ja auch eine vergr\u00f6sserung. wenn man dann noch die tatsache&hellip; <\/p>\n<p><a href='https:\/\/katiakelm.de\/blog\/2017\/04\/30\/gross-machen\/' title='Permanenter Link zu \u201egross machen\u201c' class='more-link'>Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"mf2_syndication":[],"webmentions_disabled_pings":false,"webmentions_disabled":false,"footnotes":""},"categories":[79,7,256,756,58,697,247],"tags":[1060,1061,577,883,1059,1057,1058,583,582,1062],"class_list":["post-4832","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fruher-war-alles-besser","category-kunstmarkt","category-liebes-tagebuch","category-mal-wieder-keine-guten-frauen-gefunden","category-musste-mal-gesagt-werden","category-oma-katia-erzahlt-vom-krieg","category-spass-beiseite","tag-frauenkunst","tag-groesse","tag-hfbk-hamburg","tag-kunstmarkt","tag-misogynie","tag-peniskult","tag-schwanzgelenktes-denken","tag-sexismus","tag-sexismus-im-kunstbetrieb","tag-territorialverhalten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4832","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4832"}],"version-history":[{"count":21,"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4832\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5716,"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4832\/revisions\/5716"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4832"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4832"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4832"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}