{"id":4859,"date":"2017-05-27T10:46:03","date_gmt":"2017-05-27T08:46:03","guid":{"rendered":"http:\/\/katiakelm.de\/blog\/?p=4859"},"modified":"2021-11-28T20:34:39","modified_gmt":"2021-11-28T18:34:39","slug":"beisetzungsrede-fuer-claus-boehmler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/2017\/05\/27\/beisetzungsrede-fuer-claus-boehmler\/","title":{"rendered":"Beisetzungsrede f\u00fcr Claus B\u00f6hmler"},"content":{"rendered":"<p>von Peter Lynen<br \/>\nam 17.03 2017, Hamburg-Ohlsdorf, Kapelle 2<\/p>\n<p>20 Jahre nach Martin Kippenberger, 19 Jahre nach Dieter Roth und 11 Jahre nach Tomas Schmit ist der grosse WORT-BILD-K\u00fcnstler Claus B\u00f6hmler gestorben. <!--more--><br \/>\nDa Claus mit \u00e4hnlicher Hingabe, wie er seine eigene Kunst betrieb, mit seinen Studenten zusammenarbeitete, bat mich Elke, hier ein paar Worte zu sagen.<br \/>\nF\u00fcr diejenigen, die mich nicht kennen: ich heisse Peter Lynen und war von 1992 bis 2002 Student bei Claus B\u00f6hmler.<br \/>\nEs f\u00e4llt mir schwer f\u00fcr einen so frohgesinnten Menschen eine Trauerrede zu halten.<\/p>\n<p>WORT-BILD-K\u00fcnstler &#8211; das h\u00e4tte er wahrscheinlich so nicht unterschrieben, da wir beim Z\u00e4hlen an einem stillen Nachmittag doch auf die 70 (in Worten siebzig) Sinne, die uns als Menschen zur Verf\u00fcgung stehen, gekommen sind.<br \/>\nIn Anbetracht dessen w\u00e4re ihm die Beschr\u00e4nkung auf einen eh nicht sonderlich geliebten Dualismus zu wenig gewesen.<\/p>\n<p>Als ich im Jahr 92 das erste mal die Klasse von Claus B\u00f6hmler betrat, erblickte ich einen laborartigen Raum voller Kabel, Oszillographen und L\u00f6tstationen &#8211; \u00fcberall standen Gef\u00e4\u00dfe mit komischen Fl\u00fcssigkeiten. Zwischen den halbverdauten Fernsehern lagen hier und da einzelne Elektrobauteile rum, hinten an der Wand stapelten sich etliche Staubsauger aus verschiedenen Generationen. Ein Geruch von Schwefel lag in der Luft.<br \/>\nMan hatte das dumpfe Gef\u00fchl, hier wolle jemand das Fernsehen mit einem Staubsauger kreuzen.<br \/>\nDas Ganze getreu nach dem Paik\u2019schen Motto:<br \/>\nWHEN TOO PERFECT LIEBER GOTT B\u00d6SE.<\/p>\n<p>Inmitten dieses kreativen Chaos\u2019 stand Claus B\u00f6hmler, vollb\u00e4rtig mit langem zum Dutt gebundenem Haar, irgendwie zwischen Sufi Derwisch und othodoxem Metropoliten.<br \/>\nEr stand an einem \u00fcber und \u00fcber bezeichneten Tisch und erkl\u00e4rte die Unterschiede in den Soziolekten der Blaumeise anhand von fachkundig selbstproduzierten Vogelgezwitscher.<br \/>\nW\u00e4hrend die anderen an ihren obskuren Maschinen bastelten, unterhielt er sich mit sich selbst in verschiedenen Meisendialekten, bei denen er manche auch nicht so gut verstand.<\/p>\n<p>In den Pausen rauchte er seltsame russische Zigaretten, die sich erst beim zweiten Blick als die legend\u00e4re Doppelfilter Zigarette herausstellten. Diese hat viele Vorteile 1. ges\u00fcnder \u2013 2. sparsamer.<br \/>\nIm h\u00f6heren Alter wurde dann daraus die dreifach Filterzigarette: 1. noch ges\u00fcnder \u2013 2. noch sparsamer.<\/p>\n<p>Der doch recht ungest\u00fcme Umgang in der Klasse mit der Prima Materia hatte auch einige Folgen:<br \/>\nErst kam es durch eine Schwefelverpuffung zu einem Brand in der Gipswerkstatt, was Claus mit den Worten in Bezug auf die v\u00f6llig verqualmte benachbarte Leichtbauflieger-Klasse von G\u00fcnther Rochelt kommentierte mit: DA R\u00d6CHELT DER ROCHELT.<br \/>\nDann wurde die Klasse f\u00fcr eine Zeit lang aus versicherungstechnischen Gr\u00fcnden ganz geschlossen.<br \/>\nAlso wurde der Unterricht ins nahe gelegene t\u00fcrkische Restaurant Baris verlegt, wo es am Nachmittag einen heissen s\u00fcssen Tee und am Abend ein sch\u00f6nes k\u00fchles Bier gab.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu anderen Arbeitsbesprechungen, wo man seine fertigen Arbeiten zeigte, um sie einzuordnen oder ihr Potenzial zu erkennen, ging es bei Claus immer um das direkte Produzieren, um das JETZT. In Anlehnung an die stets gesch\u00e4tzte Improvisation von Jazzmusikern glichen seine Arbeitsbesprechungen eher Jamsessions.<\/p>\n<p>Zu diesem JETZT hat er auch viele lyrisch, klug, fr\u00f6hliche Bildtitel gemacht, wie z.B. ATMEN JETZT! oder INSTANT ABER SOFORT! oder auch EN VOGUE IST WIEDER IN!<\/p>\n<p>Das Material der Jamsessions bestand eigentlich aus so gut wie allem: aus mitgebrachten Werken, Tonbandaufnahmen, Hintergrundlekt\u00fcren, existierenden und neu erfundenen Musikinstrumenten, Fundst\u00fccken aller Art, Videofilmen und fremden Kunstproduktionen und immer wieder Fellini, Walt Disney und sein alter Herr Joseph Beuys.<br \/>\nAufgezeichnet wurde mit Foto, Video und Diktierger\u00e4t, aber vor allem mit den sogenannten Gespr\u00e4chszeichnungen.<\/p>\n<p>Er nannte zeichnen DAS T\u00c4TIGE DENKEN. Die Zeichnungen hatten trotz ihres analytischen Anspruchs und der Geschwindigkeit, mit denen sie hergestellt wurden, immer etwas Liebevolles, Knuffiges.<br \/>\nDie Welt, die sie zeigen, ist eine fr\u00f6hlich beschwingte &#8211; sofort fotokopiert als sprechende Zeichnung &#8211; DU MIT NACHHAUSE NEHMEN.<\/p>\n<p>Wenn ich montags um 16.30 Uhr die T\u00fcr von K43 \u00f6ffnete, war stets ungewiss, welche Szenerie sich dahinter verbarg, da alles aus der spontanen Interaktion entstand.<br \/>\nAllen voran Claus B\u00f6hmler, der in Hochform mit seinen Haken, Neusch\u00f6pfungen und Wortverdrehungen zum Lokf\u00fchrer einer Theorieachterbahn mutierte.<br \/>\nIn beiden H\u00e4nden mit Nagelschachteln als Samba Rasseln bewaffnet beschleunigte er den Beat der Worte und Gedanken, mit denen wir durch die Unwegsamkeiten der Popul\u00e4rkultur und Geistesgeschichte rasten.<br \/>\nLechts und Rinks m\u00e4anderten die Assoziationsketten durch den Raum und gaben uns die tiefe Erkenntnis, dass alles mit allem zusammenh\u00e4ngt. Die Frage ist nur wie.<\/p>\n<p>Eines von Claus B\u00f6hmlers vielen unerwarteten Talenten war die Schauspielkunst, allen voran die Parodie: Einmal parodierte er einen hochverehrten Professorenkollegen.<br \/>\nDazu nahm Claus seine Brille von der Nase und hielt sie solange \u00fcber eine ru\u00dfende Kerze, bis sie ganz schwarz war. Dann zog er sie wieder an, schaute mit schwarzer Brille in die Runde und sagte:<br \/>\nSTANLEY BROUWN.<br \/>\nDazu muss man wissen, da\u00df Stanley stets eine Sonnenbrille trug, auch im Winter, auch in der Nacht.<\/p>\n<p>Den Rest des Nachmittags war er Stanley Brouwn &#8211; was zu einigen Sichtproblemen f\u00fchrte, insbesondere, da sich einige j\u00fcngere Studenten f\u00fcr die Klasse vorstellen wollten.<br \/>\nUm sich vorzustellen, mussten sie nun ihre Arbeiten solange mit Worten beschreiben, bis sich der \u201eblinde\u201c Claus via Gespr\u00e4chszeichnung ein Bild davon gemacht hatte.<br \/>\nSie konnten auf den Zeichnungen sehen, welches \u00fcbersetzte Bild aus ihren Erz\u00e4hlungen entstand.<br \/>\nDer geblendete Kunstprofessor war, glaube ich, ein bleibendes Erlebnis f\u00fcr die Beiden.<\/p>\n<p>So hatten Claus\u2019 auf den ersten Blick lustige Aktionen immer auch einen sehr tiefen Kern, was er in dem KREUZ WORT BILD LUST\u2013TIGER VERS\u2013SAGER bzw. LUSTIGER VERSAGER mal verdichtete; oder<br \/>\nKOMMT EIN ZYKLOP ZUM AUGEARZT.<\/p>\n<h3>An animation a day keeps the doctor away<\/h3>\n<p>Eine meiner Lieblings-live-Wiederbelebungen war:<br \/>\neine junge Studentin hatte kleine, ganz zarte wei\u00dfe FIMO-Skulpturen gemacht. Sie war ganz unzufrieden und wollte sie zerst\u00f6ren und wegschmeissen.<br \/>\nClaus sagte: nein warte, vielleicht k\u00f6nnen wir noch was Brauchbares daraus machen. Sie sagte: also gut\u2026.<br \/>\nNach kurzem Z\u00f6gern schlug er mit der Faust die Skulpturen platt und knetete sie zu einem l\u00e4nglichen Rechteck. Alle waren ob der Vehemenz und der Geschwindigkeit v\u00f6llig \u00fcberrascht und sahen ihn mit offenem Mund an.<br \/>\nEr nahm das weisse Rechteck und steckte es sich in seinen damals recht zahnlosen Mund.<br \/>\nMit seinem neuen FIMO-Gebiss l\u00e4chelte er und sagte: jetzt machen wir ein Foto f\u00fcr deine Eltern zu Weihnachten.<br \/>\nDiese Geschichte erz\u00e4hle ich eigentlich immer bei der Frage, was kann ein Kunstprofessor seinen Sch\u00fclern beibringen.<\/p>\n<p>Gegen Mitte\/Ende der 90er Jahre ver\u00e4nderte sich Claus\u2019 Themen Schwerpunkt &#8211; weg vom Technischen hin zum Religi\u00f6sen. Er besch\u00e4ftigte sich viel mit den schon erw\u00e4hnten Sufis.<br \/>\nIm Studium der Weltreligionen wurde die ostasiatische Philosophie der vollkommenen Gegenwart wichtiger.<br \/>\nZitat: IM AUGENBLICK ERWACHT DAS SELBST was ja auch seinen Vorstellungen vom Spontanen und dem JETZT entsprach. In der Klasse waren jetzt viele S\u00fcdkoreaner und Japaner.<\/p>\n<p>Einer von ihnen, Dongjo, erkl\u00e4rte uns, wo der Staub im Raum oder wo der Fisch im Wasser ist:<br \/>\nn\u00e4mlich erstens da, wo er liegen bleiben kann und zweitens da, wo es was zu fressen gibt.<br \/>\nDanach lud er Claus und mich zum Essen ein und zeigte uns, wie JETZIG ein JETZT sein kann.<\/p>\n<p>Wir gingen also zur Alster. Dort packte Dongjo aus seiner Aktentasche die praktische Klappangel aus und hielt sie ins Wasser. Nach etwa einer Viertelstunde biss der erste Fisch an. Dongjo zog ihn raus und holte aus seiner Tasche eine Tupperware mit roter scharfer So\u00dfe und ein sehr langes noch sch\u00e4rferes Messer heraus.<br \/>\nEr schnitt dem noch lebenden Fisch ganz feine rosafarbene fast durchsichtige Scheibchen heraus rollte sie gekonnt zusammen und gab sie uns in die Hand, damit wir sie in die So\u00dfe tunkten und a\u00dfen. Damit wir etwas Vertrauen bekamen, machte er es uns vor.<br \/>\nDas Erstaunliche war, da\u00df der Fisch weder zappelte noch blutete, er lag wie bet\u00e4ubt atmend im Gras und wartete geduldig, bis Dongjo ihm die n\u00e4chste Scheibe herausschnitt.<\/p>\n<p>Diese Gleichzeitigkeit von Leben und Tod, von Geselligkeit und Schicksal; der noch lebenswarme Fisch in der Mundh\u00f6hle machte aus diesem Augenblick einen magischen Moment an der doch so vertrauten Alster.<\/p>\n<p>Einige Fische sp\u00e4ter trennten wir uns und gingen hinaus in die Nacht. Am n\u00e4chsten Tag<\/p>\n<p>Da dies eine Rede f\u00fcr Claus B\u00f6hmler ist hat sie kein Ende.<br \/>\nDanke.<\/p>\n<div class=\"syndication-links\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Peter Lynen am 17.03 2017, Hamburg-Ohlsdorf, Kapelle 2 20 Jahre nach Martin Kippenberger, 19 Jahre nach Dieter Roth und 11 Jahre nach Tomas Schmit ist der grosse WORT-BILD-K\u00fcnstler Claus B\u00f6hmler gestorben.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"mf2_syndication":[],"webmentions_disabled_pings":false,"webmentions_disabled":false,"footnotes":""},"categories":[1066],"tags":[1067,577,823,1068],"class_list":["post-4859","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gastbeitraege","tag-claus-boehmler","tag-hfbk-hamburg","tag-peter-lynen","tag-trauerrede"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4859","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4859"}],"version-history":[{"count":27,"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4859\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5746,"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4859\/revisions\/5746"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4859"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4859"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/katiakelm.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4859"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}