anarchie in jena

ich war so bescheuert, ernsthaft zu meinen, für jede ausstellung immer etwas neues machen zu müssen. statt einmal irgendwas hinzukneten und das dann hermann mässig weiterzureichen baute ich immer etwas neues. die Anarchie zeigte ich immerhin zweimal. ursprünglich baute ich sie für eine einzelausstellung in frankfurt, wo am eröffnungsabend zirca 10 leute kamen (freunde, galerist und michselbst eingeschlossen).

frankfurt war ein echter tiefpunkt. eine installation setze ich komplett in den sand. die technik, mittels derer ein aal die fussleisten entlang gleiten sollte, versagte eine stunde vor eröffnung. die anderen drei arbeiten, Tot! Oder ich ess Dich auf 4 lebensgrosse schweine, die zeitgleich auf der örtlichen kunstmesse zu sehen waren, und Anarchie, entwickelten sich, abgesehen davon, dass ich nichts davon verkaufte, nach der ausstellung zu einem echten problem:
ein paar monate später liess der galerist verlauten, dass für die schweine und Tot! … sein lager zu eng sei. er nannte eine frist bis wann ich die arbeiten abholen sollte um sie selber einzulagern.
sowas nennt man timing. gerade hatte ich meine letzten reserven aufgebraucht und stand kurz vor dem völligen bankrott. ich konnte die miete für mein atelier nicht mehr bezahlen und ein transport dieser grössenordnung geschweige denn die anmietung eines lagers stand völlig ausser frage. ausserdem raubte mir die vorstellung, das ganze sperrige zeug, was eh durch keine normale tür ging, wieder an der backe zu haben, den schlaf. was für eine karriere: nach der ausstellung mit 10 besuchern nun in kisten gestapelt bis zu meinem tod.
ich schlug dem galeristen also vor, wenn ihm nichts besseres einfiele, die arbeiten eben auf den müll zu schmeissen.

wochen später ein anruf von einer kunstgeschichts-studentin aus weimar. sie käme gerade aus frankfurt, habe dort meiner galerie einen besuch abstatten wollen, um meine arbeiten zu sehen. die habe sie auch gesehen, allerdings nicht IM haus sondern davor, auf der strasse, an eine hecke gelehnt. als sie daraufhin besorgt im haus nachfragte habe man ihr gesagt, die arbeiten kämen auf den müll, sie könne sie aber gerne mitnehmen.

damals ist mir die lust auf sachen, die nicht anstandslos durch türrahmen passen, etwas vergangen.
in jena zeigte ich erstmals zeichnungen und zwei arbeiten, die sich im kofferraum transportieren liessen.

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