Category Archives: „liebes tagebuch“

alte kamellen 1

Diese Geschichte kenne ich von meiner Oma. Sie gehörte zu ihrem Standard-Repertoire von Geschichten, die sie immer wieder erzählte.
Meine Oma erzählte sehr unterhaltsame, lustige Geschichten. Nur diese fiel da immer etwas aus dem Rahmen. Auch spielten die meisten ihrer Geschichten in einer Zeit, als ich noch noch nicht auf der Welt war – diese Geschichte handelte jedoch von mir.

Es war ein Frühlingsabend Mitte der siebziger Jahre, ich war 6 oder 7. Meine Oma war zu Besuch und half meiner Mutter bei der Hausarbeit. Wir wohnten in der Neubausiedlung einer Kleinstadt. Hinterm Haus war eine Sackgasse, wo die Kinder sich zum Radfahren, Gummitwist und Ball spielen trafen. Es gab dort sogut wie keinen Auto-Verkehr.

Abends blieb ich immer so lange wie möglich draussen. Meine Mutter war in diesen Dingen nicht streng. Sie freute sich, wenn wir Spaß hatten.
Mein Vater war auch schon zu Hause. Er hatte einen anstrengenden Tag. Das war einer seiner meistgesagten Sätze: er habe einen anstrengenden Tag gehabt und brauche seine Ruhe. Sobald er von der Arbeit nach Hause kam liess er sich in einen Sessel sinken und hielt die Zeitung hoch.

An diesem Abend war das auch so. Meine Mutter und meine Oma rödelten in der Küche und mein Vater hatte seine Ruhe. Da polterte ich kreischend zur Terassentür herein, die Strümpfe zerfetzt und das rechte Knie wie Hackfleisch. Ich sei von einem Fahrrad angefahren worden heulte ich.
Meiner Oma, eine große, stämmige Frau mit großem Busen, Mutter von 3, Oma von 8, wurde flau. Das Kind muss ins Krankenhaus! Meine Mutter biss sich auf die zitternden Lippen und rief ein Taxi. Ob mein Vater nicht vielleicht doch besser mitfahren wolle, schlug meine Oma vor aber er winkte ab. Er fänd es jetzt wichtiger, mal nachzuforschen, was eigentlich genau passiert sei.
Während also meine Mutter mit ein paar vollgebluteten Handtüchern und mir heulend auf dem Arm ins Taxi stieg ging mein Vater in die Sackgasse, um sich umzuhören.

Als mein Vater zurück kam waren meine Mutter und ich wieder zu Hause. Ich hatte einen dicken Verband ums Bein und war ziemlich erledigt, meine Mutter rührte verheult in ihrem Tee und meine Oma schmierte uns Knäckebrot mit Schmelzkäse als mein Vater zur Küchentür herein kam. Er habe Herrn Spabert getroffen, der habe ihm erzählt, was passiert sei. Der Fall sei klar: „sie war selbst Schuld.“

Als sich meine Eltern Jahre später trennten hat meine Oma nicht viel dazu gesagt. Wofür sie aber immer gesorgt hat war, dass diese kleine Geschichte nie in Vergessenheit geriet.

Ich habe die Narbe von diesem Unfall immer noch am Knie und wie ein Beweis dafür, dass ich mir die Geschichte nicht ausgedacht habe, sieht sie aus wie ein zerbrochenes Herz.

wie ich die artweek fand

zur artweek fällt mir diesmal leider nicht viel ein. das liegt aber weniger an der artweek, als am zeitmangel, da ich ja fotografieren musste und kein multitasking kann.
deswegen jetzt auch nur ein paar kurze notizen, die ich hier mal einfach so unsortiert ausschütte:

die positions hat mich streckenweise an die malerei-abteilung im baumarkt erinnert und weil ich als neuerdings-malerin immer scharf darauf bin, malerei zu sehen und hier endlich mal überwiegend malerei zu sehen war war das umso enttäuschender.
man fragt sich immer (um meine freundin henrieke ribbe zu zitieren) wie die ausgerechnet an solchen krempel kommen, wo doch die ganze stadt voll mit guter kunst ist.
gefallen haben mir dann aber trotzdem die bilder von paul pretzer bei jarmuschek, paul vergier bei lorch & seidel und die zeichnungen von ulrich kochinke bei fruehsorge.

anders als bei der ABC schien man auf der positions übrigens um einiges offensiver auf potentielle kunden zuzugehen.
wie ich vielleicht schonmal erwähnt habe lege ich eigentlich keinen besonderen wert auf beratung, nur selten stelle ich mal ne frage. auf der positions jedoch hatte ich offenbar eine magnetische ausstrahlung auf verkäufer. in teilweise schon irritierendem verkäufer-singsang wurden die features aufgezählt (studiert bei trallala, ausstellungsteilnahme im museum dingsdabumsda, lebt seit dannunddann in berlin) bis hin zu hahnebüchenen behauptungen zu vermeintlichen inhalten. währenddessen dachte ich hauptsächlich darüber nach, wie man am galantesten formuliert, dass man garnichts kaufen will.

an anderer stelle drückte ich mich eine ganze weile unentschlossen in einer koje herum, weil ich ausnahmsweise tatsächlich mal eine frage hatte. ich kam mir vor wie im supermarkt, wenn man versucht, ein mit sich selbst beschäftigtes verkäuferinnen-grüppchen irgendwie dazu zu bringen, wahrgenommen zu werden.
„entschuldigen sie, könnte ich kurz eine frage stellen?“
keine antwort.
„können sie mir vielleicht sagen, wie die künstlerin heisst?“
„steht doch da! an der wand!“
„oh, das hatte ich nicht gesehen. ok, dann mache ich einfach ein foto davon… oder haben sie vielleicht einen zettel mit den daten?“
zögert, dann: „ich könnte ihnen einen katalog geben.“
nimmt eine gefalzte postkarte, macht einen knick rein, überreicht sie mir und fragt: „wer sind sie denn eigentlich, wenn ich fragen darf?“
ich stocke. will sie meinen namen wissen?
„sind sie künstlerin?“
„ja.“
„ah –“ säuerliches lächeln, nicken und ab.

danach auf die potsdamer strasse. es war schon kurz vor zehn, vieles hatte schon zu. offen waren noch die ph-projects, ein projektraum der renommierten hamburger produzentengalerie. hier gab es eine installation mit namen “wohnzimmerwand” von einem ludwig schönherr.

vor der wohnzimmerwand traf ich die halbe hamburger kunstszene, ingrid scherr, peter lynen, gabi steinhauser und alexander höpfner, sodass das mit dem wohnzimmer irgendwie unter ging.
zuhause beim bilder sortieren tauchte das wohnzimmer dann wieder auf und ich googelte ein bischen herum, was es damit auf sich hat. auf der einladung stand: „Tilman Kriesel zu Gast bei ph projects / Produzentengalerie Hamburg zeigt Ludwig Schönherr“ ok, wer ist also dieser tilman kriesel?

in hamburg zumindest scheint er ein recht bunter vogel zu sein. die BILD-zeitung führt ihn sogar unter der rubrik „Hamburgs beste Partien“. das muss man erstmal hinkriegen als kurator.
er sei „Architekt und Kunst-Experte“ sowie „Hamburg-Spross der Industriellen- und Kunstsammler-Familie Sprengel aus Hannover“, meint die BILD, und eine „Gute Partie, weil… absoluter Insider des internationalen Kunst-Jetsets“.
zu guter letzt wird noch darauf hingewiesen: „Eine Frau ohne Kunst-Sinn und Sachverstand? Nicht vorstellbar. Hamburg und die Kultur-Welt sollten ihr Zuhause sein!“
schade, dass ich schon vergeben bin.

ausserdem finde ich noch eine webseite namens artadvisors, die kriesel betreibt. er schreibt:

Wer Kunstwerke sicher im Markt platzieren will muss den Käufermarkt genau prüfen, damit die Werke mangels Interesse nicht durchfallen. Die Arbeiten in die Hände des richtigen Händlers zu geben, das passende Auktionshaus am richtigen Ort zum geeigneten Zeitpunkt zu wählen oder die idealen Sammler anzusprechen ist eine Kunst für sich.

was meint er damit? wer als künstler erfolgreich sein will sollte sich nicht zu schade sein, sein fähnchen nach dem wind zu richten? und die richtigen leute zu kennen bzw. zu wissen, wie man sich an die ranwanzt, findet er so wichtig, dass er das gleich zur kunst erklärt? really?

und mit dieser interessanten einstellung kann man also in den räumen der produzenten kuratieren. dann wird dieser ludwig schönherr jetzt ja wohl richtig durchstarten. ich kannte den namen zwar bisher noch nicht, hab ich ihn mir aber ja hiermit aufgeschrieben.

auf der selben etage wie die der ph-projects befindet sich übrigens noch die galerie 401 contemporary, die gerade die arbeiten der 1934 geborenen mary bauermeister ausstellt. mary bauermeister kenne ich erst seit kurzem: seit ihrem interview in der zeit vor ein paar wochen.
das interview ist ziemlich fantastisch, was man vielleicht angesichts des etwas dümmlichen aufmachers „Er hat gesagt: „Ich liebe euch beide““ und den eher banalen fragen der journalistin nicht erwarten würde.
tatsächlich haben mich die antworten der künstlerin aber sehr berührt und jetzt kenne ich auch endlich ihre arbeiten.

ebenfalls empfehlen möchte ich abschliessend noch zwei ausstellungen: nina kluth und maja runznic bei born berlin sowie karen koltermann bei walden.
sehr gefallen hat mir auch rip, cut – grow im ballhaus ost (ua. mit einer neuen arbeit von nadja schöllhammer), die läuft aber nicht mehr.

tldnr: artweek – kann man hingehen.

viele fliegen und ein kuckuck

mit 15 hatte ich zu weihnachten eine feldstaffelei und einen braunen plastikkoffer mit ölfarben bekommen. ich glaub es waren lukas-studiofarben, also garnicht so schlecht, nur die tubengrösse wie tuschkasten-deckweiss.

an meinem ersten bild malte ich genau eine woche. eine woche weil es die „projektwoche“ in der schule war, ich hatte den ölmalkurs gewählt.
aufgrund von männlichen kursteilnehmern war ich nicht so richtig bei der sache, was erklärt, warum ich nur dieses eine bild malte. für mehr als eins hätte aber auch die farbe nicht gereicht. Read More »

würde ich ihn immer noch lieben? – eine ode ans online-dating

ich hatte mal ne freundin die wollte hackerin werden. sie hatte einen hang zu waghalsigen karriereplänen. als ich sie kennenlernte plante sie gerade, klavierlehrerin zu werden obwohl sie garnicht klavierspielen konnte. sie kaufte sich ein klavier und wollte dann stunden nehmen. wie weit sie tatsächlich dabei kam erinnere ich nicht mehr.
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ein atelierbesuch

ein bekannter aus hamburg, auch künstler, ruft an, er sei gerade in berlin, ob ich zeit hätte.
wir verabreden uns bei mir im atelier. ich bin etwas aufgeregt weil ich die neuen arbeiten noch niemandem gezeigt habe. vieles ist unfertig und sowas zeige ich eh ungern.
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nichts gegen teebeutel

keiner male mehr figürlich! art-brut müsse man machen und eigentlich sowieso nur noch konzept-malerei! erklärte mir der schauspieler, der neuerdings auch maler war, als er mich im atelier besuchte.
über meine zweifellos figürlichen bilder an denen ich arbeitete verlor er kein wort. ich sparte mir den hinweis, dass auch seine bilder weder art-brut noch konzeptkunst waren und auch sein neuster plan, dinosaurier zu malen, klang wenig abstrakt.
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himmel über der beusselstrasse

bisher war die malerei immer eine art ex, mit der ich hin und wieder nochmal was anfing. hat sich nie gelohnt, sodass es immer bloss beim one-night-stand geblieben ist. diesmal muss es aber wohl ganz gut gewesen sein. Read More »

das erste jahr

das erste jahr berlin ist rum und weil mich immer alle fragen, wie es so ist, schreib ich das jetzt mal auf. ich fang mal an mit dem wedding und der wohnung.
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süss von ihnen

ich bin das erste mal seit 10 jahren wieder in der hochschule, es ist jahresausstellung.
alles hat sich verändert. es werden keine studenten mehr ausgestellt sondern eine jury hat 4 künstler ausgewählt, alles ehemalige, die inzwischen zu stars avanciert sind. 3 männer und eine frau. ich kenne keinen von ihnen.
die arbeiten werden ausdrücklich zum verkauf angeboten.
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asychronisation

ein künstler, den ich persönlich nicht kannte, mailte, ob ich interesse an einer zweier-ausstellung mit ihm hätte. er habe mich seiner galerie vorgeschlagen.

das fand ich nun ziemlich grossartig. von der galerie hatte ich zwar noch nie etwas gehört, die webseite sah aber auch nicht schlecht genug aus um abzusagen. ich signalisierte also interesse.
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