charlotte

kürzlich stiess ich auf instagram auf ein bild von charlotte salomon.

ich hatte ihre gouachen schon 2012 auf der documenta gesehen und weiss noch, dass ich mir ihren namen aufschrieb und mir vornahm, später mehr dazu zu recherchieren, aber dann schrieb ich mir in den folgenden tagen noch 100 weitere namen auf und seitdem stehen die halt im notizbuch.

manche brauchen eben immer etwas länger und das ist bei mir definitiv der fall. jetzt also: ein foto bei instagram und endlich stiess auch ich auf charlottes werk. mit kawumms. es haute mich komplett um. beim betrachten ihrer bilder (hier kann man das besonders gut) hatte ich ein bauchflimmern als wäre ich verliebt. stundenlang durchforstete ich das netz nach mehr informationen, bestellte schliesslich mehrere bücher in der bücherei und als nach 2 oder 3 tagen die mail kam, dass die bücher zum abholen bereit standen, sprang ich sofort aufgeregt aufs fahrrad. die bücher hab ich dann tagsüber inhaliert und nachts davon geträumt.

ich muss es ja jetzt auch garnicht weiter zusammenfassen, was es zu charlotte und ihrem werk zu sagen gibt, es steht ja schon überall. natürlich hat die faszination auch mit ihrer lebensgeschichte und dem geschichtlichen hintergrund zutun, die sich in all ihren bildern wiederspiegelt. ich kenne kein anderes werk aus dieser zeit das das so direkt und ausführlich getan hat.

ich kann auch garnicht genau sagen, was mich so sehr erschüttert, aber es ist definitv auch ihre besondere malweise, eigentlich ja fast zeichnung. charlotte hat gouache benutzt, also deckende wasserfarbe, die relativ hell und sehr matt auftrocknet. die formate sind nur etwas größer als DIN A4 und das werk was man heute kennt (etwas mehr als 1000 blätter), hat sie quasi alle in ihrem letzten lebensjahr gemalt.

wenn man die bilder betrachtet erkennt man auch diese rasanz mit der sie vorging. die sehr viel zufälliges zuliess aber trotzdem zielgenau und extrem präzise bleibt. und dann diese atemberaubenden farben! alle aus nur 4 tuben ermischt: rot, gelb, blau und weiss. ich möchte sofort all meine 250 tuben wegschmeissen!

2 kleine randbemerkungen möchte ich meiner liebeserklärung an charlotte aber noch anfügen. zum einen handelt es sich ja bei ihrem werk um ein „singspiel“, d.h. sie hat allen gouachen musikstücke zugeordnet, die sie beim malen der einzelnen blätter im kopf gehabt hat bzw. währenddessen sang. und weil ich als fan diese musikstücke natürlich unbedingt hören will hab ich mal auf spotfiy nachgesehen ob da jemand ähnlich irre war wie ich, und tatsächlich: eine capra_corn hat tatsächlich eine playlist erstellt.
die meisten stücke finde ich ehrlich gesagt ziemlich unerträglich aber trotzdem: mal wieder auch ein kleiner grund, das internet zu lieben.

das zweite ist ein hinweis meiner lieben freundin henrieke, die in eine jüdisch-amerikanische familie eingeheiratet hat und mir von der tradition der ketubah erzählte, eine art bildhafter ehevertrag dessen gestaltung ziemliche ähnlichkeiten mit der komposition der salomonschen gouachen aufweist.
tatsächlich finde ich zumindest im netz überhaupt keine texte, die beides in einen zusammenhang bringen. falls also irgendeine kunsthistorikerIn den endlos vielen schriften zum phänomen salomon noch eine hinzuzufügen plant und dies hier zufällig liest: einfach mal ketubah googeln…

mein kampf gegen die falten

diese woche habe ich mich mal etwas mit wäschewaschen und bügeln beschäftigt. und das kam so:

weil ich ja ein alter sparfuchs bin (kl. scherz) hatte ich mich diesmal entschieden, kein leinen für 40€ den meter zu kaufen. stattdessen entschied ich mich für baumwolle. dass ich mich früher immer nur mit baumwolle herumgeägert hatte hab ich einfach mal vergessen und kaufte also bei meinem lieblingshöker peters artshop 4 meter baumwolle in panamabindung zu 430 gramm. das ist ziemlich dick. so dicke baumwolle hatte ich noch nie aber ich dachte irgendwie, das wäre total schlau weil ja quasi mehr fürs geld.
ich schleppte den stoff also ins atelier, zerschnitt ihn und tackerte ihn auf 10 leere keilrahmen.

übrigens auch ein pro-tip von mir: immer alle leinwände auf einmal grundieren! weil die ja liegend trocknen müssen damit sie sich nicht verziehen kann man danach feierabend machen weil man sich im atelier garantiert nicht mehr bewegen kann.

nun also zur vorleimung. in letzter zeit hatte ich dafür immer hautleim genommen. weil aber das herstellen von glutinleim ziemlich zeitaufwändig ist hatte ich mir vorgenommen, wieder auf acrylbinder zurück zu kommen. und da acrylbinder auf baumwolle bei mir irgendwie noch nie besonders gut geklappt hat leimte ich jetzt erstmal nur die 4 kleinsten formate damit vor.

am nächsten tag entdeckte ich, dass der vorgeleimte stoff zwar straff genug gespannt war, aber im stoff trotzdem feine falten sichtbar waren, falten, die vorher schon um stoff waren. normalerweise gehen diese mit der grundierung raus. ein ganz neues problem also.

im internet fand ich dazu wie immer nur auf englisch bei wetcanvas.com gute lösungen: eine malerin empfielt dort zum beispiel, den aufgespannten stoff mit heissem wasser zu tränken und immer wieder nachzuspannen, nass machen, nachspannen etc. und viele schwören auch auf waschen und bügeln.

wohl oder übel musste ich die stoffe also alle wieder abspannen. das heisst, mit einem kleinen schraubenzieher pulte ich alle gefühlten 180 klammern pro keilrahmen wieder raus.
die vorgeleimten leinwände liess ich erstmal auf den rahmen und versuchte es mit heißem wasser. soweit das wegen der leimung noch möglich war bestrich ich sie von beiden seiten und legte sie wieder auf den boden zum trocknen.

die größeren formate nahm ich mit nach hause und setzte mich dort erstmal an die nähmaschine. wie jeder gute hausmann weiss, muss man ja stoff, der leicht aufribbelt, vor dem waschen erstmal umketteln.
danach stopfte ich alles in die waschmaschine und weil ich da nie irgendwelche exotischen programme benutze las ich erstmal die bedienungsanleitung… feinwäsche it is!
alles reingeknallt und weil bei wetcanvas viele leute essig empfehlen goss ich statt waschmittel einfach mal eine viertelflasche apfelessig ins seifenfach.

das feinwäscheprogramm dauerte erstaunlich lange, 2 stunden bestimmt. als ich den stoff am ende endlich aus der trommel zog fühlte ich sofort, dass sich an seiner steifheit überhaupt nichts geändert hatte: er fühlte sich an wie ein zerknittertes nasses stück pappe. dass er jetzt noch viel mehr falten hatte brauch ich wohl nicht zu sagen.
ich las nochmal ein paar stunden im internet nach und beschloss, dass kein weg mehr an weichspüler vorbei führte. also auf zur drogerie.

in der drogerie stellte ich mich vor das weichspülerregal und schnupperte mal in ein paar flaschen durch. ob es eine gute idee war, wenn meine bilder dann nach mangooase duften würden, da war ich mir dann doch nicht so sicher. ich entschied mich für eine flasche unpafümierten weichspüler für allergiker.

wieder zuhause stopfte ich also die nassen stoffstücke wieder in die maschine. diesmal mit weichspüler und doch mal mit seife im waschgang. mir war nämlich aufgefallen, wie glitschig sich die oberfläche des nassen stoffes angefühlt hatte und tippte auf wäschestärke und die musste raus.

tatsächlich veränderte sich durch den weichspüler und das mehrfache waschen die stoffstruktur komplett. der stoff war plötzlich ganz flauschig, deutlich leichter und plötzlich auch viel dehnbarer, regelrecht stretchy. wenn also am ende doch alles in die hose ging könnte ich mir also immer noch eine schöne strumpfhose daraus nähen.

nun also bügeln. ich war wohl etwas aus der übung (das letzte mal dass ich das bügeleisen benutzt hatte war vielleicht 5 jahre her), jedenfalls war meine erste amtshandlung erstmal ein brandfleck. der kommt dann auf die rückseite, beschloss ich, und beschleunigte die bügelbewegungen.
der stoff wurde schön glatt aber die größeren falten blieben weiterhin sichtbar. jetzt musste es also das spannen und heisses wasser bringen.

wieder im atelier kümmerte ich mich erstmal um die vier leinwände, die ich nicht abgespannt hatte, aber mit heissem wasser behandelt. die falten waren weiterhin mehr oder weniger sichtbar. bei den weniger deutlichen entschied ich mich fürs auskeilen. eigentlich sollen die kleinen, beim rahmenkauf mitgelieferten holzkeile ja erst in ein paar hundert jahren von den museumsrestauratoren verwendet werden, und wenn ich sie jetzt schon benutze können die das später halt nicht mehr. aber darauf konnte ich jetzt keine rücksicht mehr nehmen und keilte was das zeug hält.
zwei leinwände mit deutlichen falten spannte ich ab und zog sie neu auf, diesmal mit spannzange.

die weichgesülten stoffteile tackere ich wieder auf ihre rahmen. zur abwechslung hatte ich glück: die stoffe waren nur minimal eingelaufen und gingen gerade noch so über die rahmen. ich pinselte alles mit heissem wasser ein und fuhr wieder nach hause.

am nächsten tag sah alles genauso aus wie am tag zuvor: die stoffe waren nur minimal weniger straff als am vortag, glatt aber mit falten. ich spannte sie also alle nach, das heisst, ich pulte wieder alle drahtklammern aus dem holz, spannte, diesmal mit zange, und tackerte neu. inzwischen hatte ich schon eine schöne rote schwiele in der linken handfläche und googelte nach „akkutacker“ den ich mir jetzt zum geburtstag wünsche.

die spannzange soll man beim normalen spannen eigentlich garnicht benutzen aber hier ging es ja nicht mehr ums normale spannen. und tatsächlich: mit der zange wurde der stoff jetzt so straff, dass sich schon leichte laufmaschen hinter den klammern bildeten, aber egal.
tatsächlich liessen sich die feinen linien der ehemaligen falten mit hilfe der spannzange fast ganz rausziehen. wieder heisses wasser und nach hause.

gleich, wenn ich dies fertig geschrieben hab, fahre ich also wieder ins atelier und da entscheidet sich dann wohl endgültig, ob endlich mal wieder zum malen komme oder ob es die strumpfhose wird…