asychronisation

ein matthias, den ich persönlich nicht kannte, mailte, ob ich interesse an einer zweier-ausstellung mit ihm hätte. er habe mich seiner galerie vorgeschlagen.

das fand ich nun ziemlich grossartig. von der galerie hatte ich zwar noch nie etwas gehört, die webseite sah aber auch nicht schlecht genug aus, um abzusagen. ich signalisierte also interesse.

die nächste mail war dann von der einer mitbetreiberin der galerie.
das buget sei „leider nicht immens hoch“, schrieb sie, es „finde sich aber sicher eine lösung“.
da das für gewöhnlich bedeutet, dass die künstler alles selbst bezahlen, sage ich sowas an dieser stelle normalerweise bereits ab. diesmal wollte ich der sache aber eine chance geben und schrieb:
„mein budget leider auch“.
wir einigten uns, dass einer der galeristen die arbeiten persönlich abholen käme und meine unterbringung würde ebenfalls privat erfolgen – nur die anreise sollte ich selbst bezahlen.
ich war nicht begeistert, willigte aber ein.

zehn tage vor der eröffnung kam eine rundmail von einem der galeristen der wohl so eine art teamleiter war. empfänger waren neben matthias und mir allerlei weitere namen, die mir alle nichts sagten, offenbar weitere galeriebeteiber.

es ging um den ausstellungstitel. ich war eigentlich davon ausgegangen, dass der schon feststand, dass matthias schon etwas okayes eingefallen war.
stattdessen bekam ich nun eine liste mit vorschlägen, die namen der jeweiligen vorschlag-geber jeweils dahinter in klammern.

die galeriebetreiber hatten offenbar schon fleissig gebrainstormt. der teamleiter wollte die ausstellung zum beispiel „crown of creation“ nennen. in englisch, schrieb er, weil das besser klänge. „krone der schöpfung“ fand er, sei schon zu „abgenutzt“.

ein vorschlag in der liste war auch von matthias. weil mir dieser noch am schlüssigsten vorkam und ich es eh selbstverständlich finde, dass die künstler den ausstellungstitel stellen, klickte ich „allen antworten“ und teilte meine auswahl mit.

meine annahme, dass das thema damit abgehakt war, war aber falsch. ohne auf meine mail zu reagieren schob der teamleiter gleich noch ein paar mehr vorschläge hinterher und die antwortmails rauschten nur so rein.

allgemeiner favorit war EGOMANIA (alles grossgeschrieben) und der teamleiter war auch ganz überwältigt von seiner idee. die liesse sich auch super „typographisch umsetzen“.

mir war alles egal. um die sache hinter mich zu bringen willigte ich ein. der teamlieter hatte schon erste layouts der EGOMANIA-einladungskarte rumgeschickt da kam eine mail von matthias, dem der tiel überhaupt nicht gefiel.

obwohl mir langsam dämmerte, dass diese titelfindungsmethode nicht zu den erfolgversprechendsten gehörte warf ich nun auch mal zwei vorschläge ins rennen: „wir sind auch nur ein mensch“ und „asynchron“

asynchron schnitt ganz gut ab: drei von sechs taten ihre zustimmung kund – plus drei enthaltungen. der teamleiter war nicht überzeugt und forderte mich auf, meinen vorschlag zu erklären.
ich formulierte irgendwas zusammen. sein kommentar: das habe er sich schon gedacht.
weil er aber auf eröffnungen „hundert mal“ gefragt werde, was es denn mit dem titel auf sich habe, würde er gerne eine witzige geschichte parat haben. diese sei ihm noch zu wenig.

ich antworte, dass ich nicht finde, dass ein ausstellungstitel zwingend bezug auf die ausgestellten arbeiten nehmen müsse. genauso wie ich nichts von der auffassung halte, dass ein titel irgendeine erklärende funktion erfüllen oder man – andersrum – einen titel erklären können müsse.

in der antwortmail wiederholte der teamleiters einfach alles, was er in seiner letzten mail schon geschrieben hatte.
das ging noch 2 tage so hin und her und langsam hatte ich die faxen dicke. ich rief matthias an. wir beschlossen, uns einfach separat etwas zu überlegen und es dem galeristen-kommitee dann als fertiges paket vorzulegen.
wir einigten uns auf zwei vorschläge:

große leonardo da vinci retrospektive
mit arbeiten von katia und matthias

und

zwei stahlharte profis

diese reichte ich umgehend weiter und fügte hinzu, dass wir es gut finden würden, wenn der titel von uns künstlern käme und wir es auch nicht so schlimm fänden, wenn kein konsens hergestellt werden könne.

die antwort war kurz. unsere vorschläge, so der teamleiter, „passten“ nicht zu ihrer galerie.
meine anregung, die titelfindung den künstlern zu überlassen, lehnte er ab.
ich verkniff mir die frage, ob vielleicht nicht nur unsere titel nicht zu ihnen passten.

prompt flatterten aber auch schon wieder neue vorschläge rein: „syntax error“ und „K.O.-Produktion“.
die witzigen geschichten dazu gingen so:

„syntax error“ sei ein computerfehler aus der C64-ära der die „atmosphärische grundstimmung unserer arbeitsweise anschneiden“ würde.
„K.O.-Produktion“ spiele einerseits auf das „Ko“ im Sinne von Zusammenarbeit an, aber auch auf das K.O. im Sinne von „knock out“ – was auf die rivalität unter künstlern bezug nehme.

mit zitternden fingern tippte ich, dass mich mit der C64 ära aber weder künstlerisch noch privat irgendwas verbände und die rivalität zwischen matthias und mir hielte sich auch in grenzen.
insgesamt würde ich aber auch den humor etwas vermissen.

der teamleiter antwortete, dass er zum humor offenbar „einen anderen zugang“ habe. die „stahlharten profis“ verstehe er z.b. nicht – da könnten wir die ausstellung ja auch gleich „4 fäuste für ein halleluja“ nennen.

„super idee!“ wollte ich erst antworten, liess es dann aber.

abends hatte ich theaterkarten und als ich nach der vorstellung gegen 11 mein handy wieder anschaltete vermeldete es 8 neue mails und anrufe. es gab auch schon wieder einen neuen vorschlag: ASYNCHRONISATION (alles grossgeschrieben).
ich solle aber bitte baldmöglichst dazu stellung nehmen da das layout der einladungskarte noch am selben abend in die druckerei müsse.

ich rief die galeristin an und fragte, ob das mit der ASYNCHRONISATION ein witz wäre.
sie entgegnete in spitzem ton, dass ich froh sein könne, dass wir überhaupt an der titelfindung beteiligt worden seien!
ich erwiderte, dass sie die ausstellung von mir aus gerne ASYNCHRONISATION nennen könnten. nur mein name, der sollte nicht mehr auf der einladung stehen, da ich nicht mehr mitmache.

die trockennasenprimaten vom abendblatt

vielleicht sollte ich lieber nix drüber schreiben, vielleicht liest es eh keiner, wenn ichs hier nicht weiter erwähne. wer kauft schon das abendblatt bzw klickt sich durch die tiefsten untiefen der online version, bei der ja bekanntermassen hinter jeder überschrift die abofalle lauert.
leider ist dieser artikel aber nun ausgerechnet nicht hinter einer paywall verborgen, diesen artikel darf jeder lesen.

es ist üblich, dass redaktionen titel, subtitel und teaser bestimmen können oder ggf. umschreiben. so auch in diesem fall. der text den der autor wolf jahn geschrieben hat trug ursprünglich den titel „Die Evolution der Katia Kelm“. das war den zuständigen redakteuren beim hamburger abendblatt aber offenbar nicht „aussagekräftig“ genug. das abendblatt machte daraus:

Eine Frau macht sich zum Affen
Die Hamburger Künstlerin Katia Kelm zeigt bis zum 1. Mai Plastiken, Bilder und Rückblicke auf die Frühgeschichte der Primaten in Rothenburgsort.

abgesehen davon dass selbst die formulierung des subtitels missglückt ist (welche Primaten? wenn überhaupt geht es um die stammesgeschichte des menschen. was spricht ausserdem gegen die „Evolution“ aus dem ursprungstitel?) ist die primär geläufige bedeutung der redensart, jemand mache sich zum affen, eine schlichte beleidigung.
im übrigen verhunzt der titel auch den eigentlichen text. er schickt eine abwertung voran, was die leser einen verriss erwarten lässt und beeinflusst die lesart des eigentlichen textes negativ.