gängeviertel die zweite

wer die presseberichte zum gängeviertel verfolgt muss doof sein wenn er spätestens jetzt nicht erkennt: die politiker die in hamburg an den hebeln sitzen wollen die künstler im gängeviertel nicht haben. und die hamburger bevölkerung hat diese politiker gewählt.

dass hamburg nicht allzuviel übrig hat für seine künstler das weiss man jedoch nicht erst seit heute. die hamburger kunsthochschule hat künstler hervorgebracht wie jonathan meese, john bock, daniel richter oder christian jankowski — keiner von denen wohnt heute mehr hier. 85% meiner ehemaligen kommilitonen leben heute nicht mehr in hamburg. die meisten in berlin, aber auch in köln, leipzig, new york.
dass es für solche künstler überall anders interessanter ist als in einer stadt, die für den könig der löwen, das alstervergnügen und das hafenfest samt kunstfliegerstaffel (die die hamburger eventagentur kulturbehörde für militärfans dieses jahr organisiert hat) steht, das ist schon beklagenswert aber dass das sich so weltstädtisch gebende hamburg in bezug auf seine künstlerförderung noch nichtmal an eine kleine stadt wie leipzig heranreicht, ist armselig.

wer als künstler in hamburg lebt weiss was er hat: kultur bedeutet in hamburg das, worüber das feuilleton der springerpresse schreibt. staatsoper, musikhalle und schauspielhaus. bildende kunst gehört hier eher zu den exotischeren themen. und wenn findet vielleicht grad ne retrospektive eines alternden lokalhelden in den deichtorhallen statt weil dessen galerist sein lager räumt und dessen sammler seine einkäufe im wert aufpeppen möchte. oder man schreibt über das bucerius kunstforum weil das gerade ne coole rembrandtaustellung zeigt.

die galerienlandschaft hamburgs würde ich darüber hinaus eher als galerienwüste bezeichnen. eine wüste mit einer art oase im hinterhof der admiralitätsstrasse, wo sich die handvoll „relevanter“ galerien hamburgs auf sehr praktische weise alle in einem haus befinden: in 15 minuten kann man sich einen guten überblick verschaffen.
ein paar gute off-galerien gibt es auch welche in hamburg, aber ich habe es eigentlich nie erlebt, dass dort dieselben leute hinkommen, die auch die galerien in der admi, die kunsthalle, deichtorhallen oder den kunstverein bevölkern (es sei denn man schafft es irgendwie in die admi). potentielle käufer trifft man in hamburgs off-galerien eigentlich nie. denn im gegensatz zu berlin hat hamburg zwar viele reiche aber der reiche hamburger kauft 1) keine kunst und 2) wenn dann horst janssen.

übern daumen gepeilt kann man vielleicht sagen: das was in hamburg paradoxerweise als förderungswürdige kultur anerkannt wird benötigt eigentlich keine förderung mehr. in hamburg werden die preise grundsätzlich an leute vergeben die die fettesten preise längst abgeräumt haben, kunst im öffentlichen raum wird bei denen gekauft die eh schon nicht mehr wissen wohin mit der ganzen kohle. alles unetablierte, junge, neue — brauch es in hamburg nicht zu geben.

und genau das zeigt die stadt hamburg jetzt bei ihrem gebaren ums gängeviertel. ebenso wenig wie die stadt den sinn einer gezielten künstlerförderung erkennt begreift sie den sinn vom erhalt ihrer historischen orte. in der hoffnung, es doch nochmal zur „metropole“ zu schaffen wird jede lücke, jeder letzte grüne fleck, jede verkehrsinsel zugeschissen mit: büros. (840.000 qm davon sind übrigens noch frei).
wie die stadt das hinkriegt hab ich unlängst direkt vor meiner haustür, am stintfang, miterleben dürfen, wo die städtische sprinkenhof AG seit jahren eine ganze häuserreihe verfallen lässt mitsamt eines kleinen parkes dahinter. man wartet einfach lang genug und dann springt man plötzlich auf und ruft: „alles wird gut, wir haben einen investor!“ (mittlerweise ist der erste investor für das hochhaus am stintfang wieder abgesprungen aber die spinkenhofgebäude gammeln weiter hoffnungsvoll vor sich hin)

auf so eine weise hat die stadt jetzt also gleich ein ganzes viertel historischer gebäude an irgendeinen x-beliebigen investor verscherbelt, ein holländisches unternehmen das verständlicherweise einen scheiss drauf gibt, dass die hamburger bevölkerung mit den künstlern „sympatisiert“ und sogar das konservative abendblatt scheinbar eine art liebesheirat mit den künstlern vor ort eingegangen ist.

es sieht jedenfalls alles so aus als würde die sache gründlich in die hose gehen. und so traurig das ganze auch ist, vielleicht ist es wirklich an der zeit, die einladung des leipziger bürgermeisters beim wort zu nehmen und die sachen zu packen.

ps: falls sich einer wundert, wieso ich eigentlich immer noch in hamburg bin: das wundert mich selbst.