Inside the Painter’s Studio

letzte woche bekam ich von meiner freundin anke ein buch geschenkt. es ist eine art sammlung von interviews mit 24 amerikanischen malern über ihre ateliers und wie sie arbeiten. die maler sind in usa möglicherweise etwas bekannter, ich kannte nur chuck close und dana schutz und seit ich die anderen alle einzeln gegoogelt habe (bildsuche) weiss ich, dass ich mir die namen der übrigen nicht merken werde.

das spielt aber keine rolle. ich liebe dieses buch. ich schleppe es überall mit hin, sitze damit in der u-bahn und atme es ein, wort für wort. eine woche ist es jetzt alt und es sieht schon so aus wie die schnuddeligen bücher im regal, die mich ein leben lang begleiten.

es gibt einen festen fragenkatalog, der wird aber von interview zu interview variiert. u.a.:

When did you consider yourself a professional artist and when were you able to dedicate yourself full-time to that pursuit?
Has your studio location influenced your work?
Please describe a typical day, being as specific as possible. For example: What time do you get up? When do you come to the studio? Do you have specific clothing you change into?
Do you listen to music, the radio, or TV when you work? If so what, and ho does it affcet your work?
What kinds of paint do you use?
Do you have any special devices or tools that you use that are unique to your work?
Do you work on one project at a time or several?
When you are contemplating your work, where and how do you sit or stand?
How often do you clean your studio, and does it affect your work?
How do you come up with titles?

dieses buch handelt nicht von den produkten, es sind auch keine inszenierten atelierbesuche, bei denen es auch immer um produkte geht. dieses buch handelt vom ganz profanen alltag, von den schwierigkeiten und was sich aus ihnen ergibt. künstler erzählen, wie sie arbeiten und unter welchen bedingungen ihre arbeit entsteht.

solche banalitäten (um wieviel uhr ein maler mittagspause macht und welchen radiosender er bei der arbeit hört) kommen im kunstbetrieb sonst natürlich offiziell nie zur sprache. alltägliches wird verschwiegen und übrig bleibt das geheimnisvolle produkt, das quasi vom himmel fiel. dinge werden verrätselt und angedeutet, das bild des arbeitenden künstlers bleibt mysteriös, obsessiv oder gar obszön. radio wird hier nicht gehört.

künstler selbst äussern sich vergleichsweise selten. bei einigen wünscht man sich zwar, sie täten es noch seltender, aber eigentlich ist es üblich dass im kunstbetrieb andere leute reden.
wenn auf anderen künstlerwebseiten zb. so etwas vorhanden ist wie ein link zu „texten“ klicke ich den immer sofort und bin bisher noch nie auf eigene texte des künstlers gestossen. stattdessen findet man dort für gewöhnlich eine reihe schnöder pfds zum download mit blumigen assoziationen von befreundeten kunsthistorikern. ich würde echt gerne mal wissen, ob die jemand lesen will.

ob der künstler bei der arbeit radio hört oder womit der künstler seinen lebensunterhalt verdient, steht da jedenfalls nicht drin und ich behaupte sogar, die autoren dieser texte könnten das auch nicht beantworten. dabei wäre das doch so einfach, man müsste bloss mal fragen.

„Inside the Painter’s Studio“ ist aber nicht bloss hilfreich, weil es relevante fragen stellt, es befriedigt nicht bloss die neugierde auf das, was hinter den kulissen fremder lebensräume los ist, es ist auch eine möglichkeit, ganz pragmatisch, zu erfahren „wie die anderen das so machen“.

die anderen sind in diesem fall maler. ich verstehe mich zwar nicht als malerin (nur weil ich alle paar jahre ein paar bilder male bin ich keine malerin.) trotzdem habe ich spätestens alle paar jahre ähnliche probleme.

zb. das problem, wie man in einem atelier, was keine brauchbaren wände hat, eine leinwand unterbringt: kleinere bilder malen oder eine staffelei kaufen?
seit wochen frage ich mich ausserdem, ob es sinn macht, den wenigen platz im atelier noch mit einem sofa vollzustellen, oder liegt man dann nur noch auf dem sofa?
kann man mit latexhandschuhen eigentlich arbeiten? muss man die nicht ständig wechseln weil man darin so stark schwitzt dass man garkeinen „grip“ mehr hat?
womit wäscht man am besten pinsel aus wenn man kein warmes wasser hat? was eignet sich alles als paletten? wie bekommt man die zentimeterdicken schichten ölfarbe am besten wieder von der glasplatte? usw. usf.

es gibt keine bücher über so etwas. es gibt den dörner und den wehlte, die deutschen standardwerke für maltechnik, zwei kiloschwere schinken, darin hat acrylfarbe nichtmal ein eigenes kapitel.
ein paar antworten findet man vielleicht noch in irgendwelchen internetforen, da etwas von qualität rauszupuhlen ist aber manchmal auch sehr zeitaufwändig.

vor kurzem kaufte ich mir den wehlte. darin steht, welche pigmente was können, wie man ordnungsgemäss eine leinwand aufzieht, und jede menge rezepte für binder und grundierungen. alles hochspannend für materialfetischisten wie mich.
ich tackerte also stundenlang an einer leinwand herum und nachdem ich sie grundiert hatte konnte sie frei stehen (sie hatte sich selbstverständlich verzogen).
dass man grundierungen im baumarkt auch fertig kaufen kann erwähnt wehlte irgendwo in einem nebensatz, schreibt aber natürlich nicht, wie das produkt heisst und worauf man achten muss.
ich „kochte“ allerlei rezepte nach, pütscherte herum mit atemberaubenden harzen für schnelltrocknende malmittel und bekam nach 30 minuten kopfschmerzen. gerne hätte ich gewusst, ob andere künstler eigentlich auch mit gasmaske malen – wehlte führt sowas aber offenbar zu weit.

wehlte oder dörner zu lesen bevor wenn man malen will ist warscheinlich so als würde man sich monatelang in eine dunkelkammer stellen um photoshop zu lernen. oder sich an der uni für amerikanistik einschreiben bevor man eine new york reise antritt. sicher ist es interessant zu erfahren, wie die alten meister ihre mischungen herstellten.
wem es aber darum geht, alle 5 jahre mal ein paar bilder zu malen, der möchte aber vielleicht erstmal nur wissen, in welchem baumarkt die grundierungen billiger sind.
in „Inside the Painter’s Studio“ wird sicher nichts über deutsche baumärkte stehen aber die richtung stimmt schonmal.

webseite von joe fig (autor von „Inside the Painter’s Studio“)