alte kamellen 2

hier mal eine alte kamelle aus einem früheren blog, n bischen dran rumgezupft.

Die erste Verabredung ist morgens um 9 beim Schanzenbäcker in der Raucherecke. Er raucht Camel ohne.
Am Abend zuvor hatten sie sich in einer Singlebörse kennengelernt. Er hatte ihr ein Foto geschickt auf dem er wie ein Schwerverbrecher aussah, das hatte sie gerührt.
Jetzt steht er vor ihr und sieht, das überrascht sie, immer noch wie ein Schwerverbrecher aus. Ein gepflegter zwar, schüchtern und mit guten Manieren, aber ein Gesicht wie aus Altpapier, grau und faltig, sie traut sich kaum, ihm in die Augen zu sehen; sie sind von einem Bindegewebe umgeben, so trocken und verschrumpelt wie das eines alten Papageien. Sie zieht es vor, seinen Mund zu betrachten, während er spricht.
Wie verhalten er lächelt und wie hinter seinen scharf gezeichneten Lippen auffallend saubere Zähne hervorblitzen. Fast hätte sie ihn nach einer Zigarrette gefragt.

Die zweite Verabredung ist am Vorabend zu Ostern. Weil Romantik sich abzeichnet bedarf es eines ausgewählteren Umfeldes, also fahren sie mit der Fähre nach Övelgönne zum Osterfeuer.

Am Stand von Övelgönne schlängeln sie sich durch die Menschenmassen, finden aber kein Osterfeuer. Es ist kalt und dunkel und wimmelt von Einweggrills, halb verglimmten Feuerstellen und Kassettenrekordern mit besoffenen Teenies drumrum.
Am Rand einer Betonauffahrt setzen sie sich und trinken mitgebrachtes Dosenbier. Nach anderthalb Dosen versinken sie knutschend im Sand.
Ein Standortwechsel steht an und sie schlägt vor, zu ihm zu gehen. Er zögert, willigt dann aber doch ein.

Der Rückweg ist weit, zu weit um die Stimmung zu halten. Langsam bekommen sie Hunger und ein mulmiges Gefühl stellt sich ein. Statt an Sex zu denken sprechen sie über Essgewohnheiten.
„Ich bin ja seit Neustem voll auf dem Gesundheitstrip“ erzählt sie begeistert und fragt sich, wozu sie das jetzt wieder erfindet. „Ich steh zum Beispiel voll auf Grünkern und Tofu!“ fügt sie mit verführerischer Stimme hinzu, etwas tiefer als geplant, und muss einen Reflex unterdrücken, sich auf die Lippen zu beissen.
Er scheint aber alles normal zu finden und entgegnet ernst: „Ich hab mich die letzten Jahre nur von Käsebrot mit Tomate ernährt.“
„Echt?“ ihr fällt nichts Originelles mehr ein.
„Und zwar ausschliesslich das Helle von Harry, ne andere Marke ess ich nicht.“
„Ach so. Ich bin ja keine große Käse-Esserin.“
„Ich auch nicht. Ich ess nur Gouda.“

Als sie in der Wohnung ankommen bleibt sie erst im Flur stehen. Als er nicht zurück kommt lugt sie vorsichtig um die Ecke und sieht wie er seine Jacke auszieht.
„Achso! Ich dachte gerade, das wär hier sowas wie’n Büro und wir holen nur was ab!“
Die Zimmer sind leer, die Wände mit Rauhfaser tapeziert und grau gestrichen. Sie sind komplett kahl, keine Bilder, keine Möbel. Nirgends liegt etwas herum, was Aufschluss darüber hätte geben können, dass hier jemand wohnt.
Er zeigt ihr die Küche. Der Raum ist komplett aus Edelstahl, alle Ablagen und Geräte, selbst die Wände sind mit Stahlplatten verkleidet.
„Wollen wir vielleicht was essen?“ fällt ihr etwas schüchtern der Hunger wieder ein woraufhin er wortlos zum Kühlschrank zeigt.
Der Kühlschrank ist fast leer. Sechs Tomaten liegen in einer Reihe, nach Grössen sortiert, an der Seitenwand entlang. Die grösste liegt vorne. Eine Tupperdose steht daneben, parallel zum Gitter, und beinhaltet einen Stapel Feinbrot. Im ansonsten leeren Gemüsefach liegt ein Block aus circa zehn Packungen Scheiben-Gouda von der Marke Kraft, faltenfrei in Alufolie eingewickelt. In der Innentür des Kühlschrankes steht ausserdem eine Reihe Milka Vollmilchschokoladen, aufrecht, wie im Bücherregal. Sie greift eine heraus und ruft: „Komm! Die essen wir jetzt!“
Entsetzt starrt er sie an, zögert und erklärt dann trocken: „Bitte nicht durcheinander bringen, die sind nach Haltbarkeitsdatum sortiert.“

In der Nacht haben sie keinen Sex. Er müsse das erst wieder lernen und das könne dauern. Sex sei ihm aber auch nie so wichtig gewesen.

Ein paar Tage später. Es ist schon spät, sie will gerade ins Bett gehen, da klingelt ihr Handy.
„Ich will auf keinen Fall stören“ flüstert er. „Ich muss Dich unbedingt was fragen. Ich kann nachts schon nicht mehr schlafen deswegen. Bist du in mich verliebt? – Ja oder nein.“
Sie zögert
„Ja oder Nein!“
„Nein“ sagt sie schliesslich und hält den Atem an.
„Unter diesen Umständen… muss ich das Gespräch leider beenden. Lebe wohl.“

alte kamellen 1

Diese Geschichte kenne ich von meiner Oma. Sie gehörte zu ihrem Standard-Repertoire von Geschichten, die sie immer wieder erzählte.
Meine Oma erzählte sehr unterhaltsame, lustige Geschichten. Nur diese fiel da immer etwas aus dem Rahmen. Auch spielten die meisten ihrer Geschichten in einer Zeit, als ich noch noch nicht auf der Welt war – diese Geschichte handelte jedoch von mir.

Es war ein Frühlingsabend Mitte der siebziger Jahre, ich war 6 oder 7. Meine Oma war zu Besuch und half meiner Mutter bei der Hausarbeit. Wir wohnten in der Neubausiedlung einer Kleinstadt. Hinterm Haus war eine Sackgasse, wo die Kinder sich zum Radfahren, Gummitwist und Ball spielen trafen. Es gab dort sogut wie keinen Auto-Verkehr.

Abends blieb ich immer so lange wie möglich draussen. Meine Mutter war in diesen Dingen nicht streng. Sie freute sich, wenn wir Spaß hatten.
Mein Vater war auch schon zu Hause. Er hatte einen anstrengenden Tag. Das war einer seiner meistgesagten Sätze: er habe einen anstrengenden Tag gehabt und brauche seine Ruhe. Sobald er von der Arbeit nach Hause kam liess er sich in einen Sessel sinken und hielt die Zeitung hoch.

An diesem Abend war das auch so. Meine Mutter und meine Oma rödelten in der Küche und mein Vater hatte seine Ruhe. Da polterte ich kreischend zur Terassentür herein, die Strümpfe zerfetzt und das rechte Knie wie Hackfleisch. Ich sei von einem Fahrrad angefahren worden heulte ich.
Meiner Oma, eine große, stämmige Frau mit großem Busen, Mutter von 3, Oma von 8, wurde flau. Das Kind muss ins Krankenhaus! Meine Mutter biss sich auf die zitternden Lippen und rief ein Taxi. Ob mein Vater nicht vielleicht doch besser mitfahren wolle, schlug meine Oma vor aber er winkte ab. Er fänd es jetzt wichtiger, mal nachzuforschen, was eigentlich genau passiert sei.
Während also meine Mutter mit ein paar vollgebluteten Handtüchern und mir heulend auf dem Arm ins Taxi stieg ging mein Vater in die Sackgasse, um sich umzuhören.

Als mein Vater zurück kam waren meine Mutter und ich wieder zu Hause. Ich hatte einen dicken Verband ums Bein und war ziemlich erledigt, meine Mutter rührte verheult in ihrem Tee und meine Oma schmierte uns Knäckebrot mit Schmelzkäse als mein Vater zur Küchentür herein kam. Er habe Herrn Spabert getroffen, der habe ihm erzählt, was passiert sei. Der Fall sei klar: „sie war selbst Schuld.“

Als sich meine Eltern Jahre später trennten hat meine Oma nicht viel dazu gesagt. Wofür sie aber immer gesorgt hat war, dass diese kleine Geschichte nie in Vergessenheit geriet.

Ich habe die Narbe von diesem Unfall immer noch am Knie und wie ein Beweis dafür, dass ich mir die Geschichte nicht ausgedacht habe, sieht sie aus wie ein zerbrochenes Herz.

frohe weihnachten

katias kauftipps teil 1

der kaufhorror hat begonnen und selbst mir fällt nichts mehr ein. mit selbstgebasteltem kann ich meinem nachwuchs schon seit jahren nicht mehr kommen, es muss schon bezahlt worden sein und das nach möglichkeit teuer. warum also nicht kunst kaufen? selbstgebastelt UND teuer.

im ernst. was kann man leuten, die alles haben, besseres schenken als kunst? obwohl mir als exil-hamburgerin (hamburg ist ja die hauptstadt der kunst-weihnachtsmärkte, kunst-billigmessen und anderen konsum-events) die kunst-weihnachtsmärkte zu den ohren wieder rauskommen sass ich vor ein paar tagen beim kollegen im atelier wie auf kohlen als ich die preise hörte. sofort fuhr ich nach hause um diese neue rubrik zu gründen: katias kauftipps.

den anfang machen die vier künstlerInnen, die ich in den letzten wochen interviewt hab bzw. wo die interviews noch kommen: henrieke ribbe, sebastian zarius, patrick farzar und karin missy paule. ich hab sie bequatscht, ob sie für mein blog nicht sone art weihnachtsangebot machen könnten und hier kommt die sagenhafte ausbeute:

henrieke schreibt:

Also bei mir kriegt man ein Portrait schon ab 300,-€. Auftragsarbeit nach Wunsch, vom Foto oder von 2 Std. Live Sitzung. Grösse ca 30 x 24 cm. Aber das muss ein absoluter Geheimtipp bleiben, nur für Deine Leser! ;)

so könnte das aussehen:

"Markus und Julia", 2011 von henrieke ribbe. öl auf leinwand, 80 x 65cm

„Markus und Julia“, 2011 von henrieke ribbe. öl auf leinwand, 80 x 65cm

"Matilda", 2013 von henrieke ribbe. öl auf leonwand, 20 x 20 cm

„Matilda“, 2013 von henrieke ribbe. öl auf leinwand, 20 x 20 cm

sebastian hat seine multiple-reihe „Zentimeterfrühstück“ vorgeschlagen:

„Zentimeterfrühstück“ Nr. 23, 2012/2014, multiple von sebastian zarius. 12,5 x 22,5 cm

Zentimeterfrühstück Nr. 13, Multiple von Sebastian Zarius, 2012/2014

„Zentimeterfrühstück“ Nr. 13, 2012/2014. multiple von sebastian zarius. 12,5 x 22,5 cm

Zentimeterfrühstück Nr. 11, Multiple von Sebastian Zarius, 2012/2014

„Zentimeterfrühstück“ Nr. 11, 2012/2014. multiple von sebastian zarius. 12,5 x 22,5 cm

die multiples gibts zu einem preis von stück 50,-€.
auf sebastians webseite sind noch mehr.

patrick hat ein paar skulpturen rausgesucht:

wonderwoman, 2014, von patrick farzar

„Wonderwoman“, 2014, von patrick farzar. holz, acryl und emaillelack. ca 12 cm hoch

ebony und rosa, 2014, von patrick farzar

„ebony und rosa“, 2014, von patrick farzar. holz, acryl und emaillelack. ca. 30 cm hoch

diverse „hulks“, 2014, von patrick farzar. holz, acryl und emaillelack. ca. 10-12 cm hoch

diverse „hulks“, 2014, von patrick farzar. holz, acryl und emaillelack. ca. 10-12 cm hoch

"katze im sack"–aktion von patrick farzar

„katze im sack“-aktion von patrick farzar

„ebony und rosa“ ist 2-teilig und kostet 210,-€.
„Wonderwoman“ und ein „Hulk“ kostet je 75,-€ (sonst 105,-€).
„Katze im Sack“ bedeutet: man bekommt eine der auf dem foto abgebildeten figuren, ohne zu wissen welche, für 45,-€.
ich empfehle übrigens, sich mit patrick auf facebook (link nur sichtbar für facebook-nutzer) zu befreunden, er postet dort regelmässiger bilder von seinen figuren als auf seiner webseite.

meine freundin karin missy paule aus hamburg (interview demnächst) hat zeichnungen aus der serie „Terapi _ hemmtsärmelig“ rausgesucht:

"Kleine und größere Löcher zum reinfallen" aus der serie "Therapie _ hemmtsärmelig", 2008 von Karin Missy Paule. bleistift auf papier, 21 x 30 cm

„Kleine und größere Löcher zum reinfallen“ aus der serie „Terapi _ hemmtsärmelig“, 2008 von karin missy paule. bleistift auf papier, 21 x 30 cm

"Übersetzungsängste" aus der serie "Therapie _ hemmtsärmelig", 2008 von Karin Missy Paule. bleistift auf papier, 21 x 30 cm

„Übersetzungsängste“ aus der serie „Terapi _ hemmtsärmelig“, 2008 von karin missy paule. bleistift auf papier, 21 x 30 cm

"masturbating stones for unhappy bodies" aus der serie "Therapie _ hemmtsärmelig", 2008 von Karin Missy Paule. bleistift auf papier, 21 x 30 cm

„masturbating stones for unhappy bodies“ aus der serie „Terapi _ hemmtsärmelig“, 2008 von karin missy paule. bleistift auf papier, 21 x 30 cm

sie sind ungerahmt und kosten je 130,-€.

so. nachdem ich jetzt die schleuderpreise meiner freunde ins internet geschrieben und ihren ruf versaut hab will ich mich selber auch nicht verschonen: von mir kriegen sie zwei radierungen aus „Mein totschickes Nervenkostüm I-VI“:

„Mein totschickes Nervenkostüm I“, 2011, Katia Kelm. Ätzradierung, Auflage: 20, 10 x 15 cm

„Mein totschickes Nervenkostüm II“, 2011, Katia Kelm. Ätzradierung, Auflage: 20, 10 x 15 cm

sie sind ungerahmt und bis weihnachten zu einem spottpreis von je 110,-€ zu haben.

kontaktieren können sie die künstler über ihre emailadressen:

henrieke: info (at) henriekeribbe.com
sebastian: sebastianzarius (at) yahoo.de
patrick: noanoa (at) gmx.de
karin: info (at) karinmissypaule.de
und mich

bestellen sie so schnell wie möglich oder, noch besser, versuchen sie nen termin für nen atelierbesuch zu kriegen!
schöner als atelierbesuche sind eigentlich nur weihnachtsmärkte. (kl. scherz)

nicht lachen!

nachdem ich im juni schonmal in der uckermark war bin ich auch im herbst nochmal hingefahren.
hier nun meine ersten offiziellen makramee-eulen versuche.
ausserdem die ersten bilder aus der reihe “verkehrsinseln” (ob ich noch mehr mach muss ich nochmal drüber nachdenken).


weil ich künstler bin!

hier kommt jetzt der zweite teil meiner interviewreihe mit berliner malerinnen. und weil konsequenz mein zweiter vorname ist diesmal ohne malerin. stattdessen hab ich den berliner nicht-maler sebastian zarius interviewt.
er hat wie ich an der hamburger hfbk studiert, ist also auch gewissermassen exil-hamburger, und kommt ursprünglich aus düsseldorf.

das atelier ist in den ehemaligen harras-werken in lichtenberg. lichtenberg wurde von der berliner zeitung ja gerade mal wieder zum neuen hipster-bezirk erklärt. die hipster, die mir auf dem weg von der bushaltestelle zum atelier über den weg liefen, lassen sich allerdings an einem finger abzählen.

sebastians atelier ist klein und auffallend aufgeräumt. die deckenhohen regale sind so prall gefüllt wie der lupo meiner mutter, als wir mit dem im urlaub waren. leute haben applaudiert als wir fertig eingeladen hatten.

sebi2

wir sitzen vor den geöffneten flügeltüren mit blick auf den schornstein gegenüber und das interview beginnt:

wann hast du dich das erste mal als professioneller künstler gesehen?*

das war eher ein prozess. während des studiums kann man sich vor der frage ja noch verstecken, da übt man noch und lässt sich langsam darauf ein. es aber mit ernsthaftigkeit nach aussen zu vertreten, so dass die leute einem das dann auch glauben, das ist bei mir eigentlich noch garnicht so lange.

in berlin ist es aber ja nicht so ungewöhnlich, wenn man sagt, man ist künstler. hier ist es warscheinlich eher komisch, wenn man sagt, man ist fliesenleger. man hat immer das gefühl, man müsste noch dazu sagen: „ich bin künstler, aber ich mach das ernsthaft!

arbeitest du vollzeit?*

im prinzip ja. teilweise kann ich davon leben und manchmal ist es auch schwer. hin und wieder mache ich mal ne auftragsarbeit oder jobbe als ausbilder bei erste-hilfe kursen. ich geb diese kurse ganz gerne, weil es keine berührungspunkte zu meiner künstlerischen arbeit gibt und sich nichts in die quere kommt.

fakt ist jedenfalls, dass ich mit extrem wenig geld lebe. dafür habe ich aber auch den luxus, zeit zu haben und unabhängig zu bleiben. auf diese weise kann ich mich eben auch einfach mal zwei monate damit beschäftigen, ein faltboot zu bauen.

wie lange bist du schon in diesem atelier?*

seit anderthalb jahren.

hast du pläne gemacht, bevor du eingezogen bist, wo was sein soll? oder ist es eher organisch gewachsen?*

eher gewachsen. das aber auch zwangsläufig, weil ich vorher 140 quadratmeter zur verfügung hatte und jetzt 35. das war schon schwierig, denn das sind hier sechs-einhalb sprinterladungen.

ich fand es damals schade, dass ich da, wo ich vorher war, in kreuzberg, nach 5 jahren raus musste. ich hab mich da sehr wohl gefühlt und viel investiert, immer pünktlich bezahlt und dann wurde mir fristlos gekündigt. das haus wurde verkauft und dann wehte ein neuer wind. mir konnten sie kündigen weil ich gewerberaum hatte und es ist eben mehr wert, wenn keiner mehr drin ist. heute stehen meine räume immer noch leer.

ich hab dann aber auch enthusiasmus für das neue atelier entwickelt. schon vor dem umzug bin ich immer mal vorbei gefahren und hab mir die gegend und das haus von aussen angesehen und mich dran gewöhnt.

es sind bestimmte kombinationen von möbeln, die mir so ein zuhause-gefühl geben, weil die im alten atelier schon genauso standen. im alten atelier hatte ich diesen schreibtisch auch schon so vor der wand, nur waren da kaum fenster.
als ich das alles aufgebaut hatte und irgendwann hier abends am tisch gesessen hab, da hat mir das erste mal nach jahren die sonne ins gesicht geschienen.

atelier sebastian zarius, lichtenberg 2014

hat das atelier deine arbeit in irgendeiner weise beeinflusst?*

ja, schon. die arbeitsweise. vorher hatte ich jahrelang wohn-ateliers. das hat den vorteil, dass man abends zum beispiel nochmal schnell ne zweite schicht lackieren kann, und den nachteil, dass man sich kaum entspannen kann, weil man immer in seinem arbeitschaos sitzt.
wenn man es aber zu ordentlich hat entsteht keine arbeitsatmosphäre.
das ist jetzt anders. hier komme ich nur her, um zu arbeiten. und wenn man schonmal hier ist arbeitet man auch.

die arbeiten ansich hat das atelier eher weniger beeinflusst. größentechnisch hat sich auch nichts verändert, ich hab ja eigentlich nie so groß gearbeitet. die frage, wo was hinkommt, wenn es fertig ist, hat sich auch bei 140 quadratmetern schon gestellt.

atelier sebastian zarius, lichtenberg 2014

wie verläuft ein typischer alltag-tag bei dir?*

in letzter zeit führ ich n recht geregeltes leben. ich wach manchmal sogar schon um 8 auf –

[interviewerin lacht sich kurz tot]

– dann fahr ich irgendwann los, mit dem fahrrad, ungefähr ne halbe stunde. zwischen 11 und 12 bin ich hier.
mittagspause mach ich irgendwann, da gibts kein festes programm. am anfang bin ich jeden mittag ins don xuan center gegangen, ich hab aber auch ne mikrowelle.

atelier sebastian zarius, lichtenberg 2014

du hast garkein sofa für pausen zwischendurch, nur stühle. willst du sowas nicht?

auf keinen fall! ich hab hier ne isomatte, da kann ich auch mal n mittagsschläfchen drauf machen, das reicht.

wieviel stunden machst du denn so am stück?

in der regel komm ich so um 11, 12 nach hause.

hörst du musik bei der arbeit?*

schallplatten. der plattenspieler da [zeigt auf ein gerät an der wand, neben der mikrowelle] kann auch auf dem kopf laufen und hat ne repeat-taste. ich hör gerne platten auf wiederholung.

hat musik einen effekt auf deine arbeit?*

in erster linie hat sie den effekt, dass man die zeit vergisst. gerade wenn man auf wiederholung hört ergibt sich eine art zeitschleife. ausserdem hält sie die stimmung.
ich arbeite ja weniger aus nem disziplin-prinzip sondern weil es spass macht, und mit musik macht es mehr spass.

dann lass uns jetzt mal über die plastiktüten reden. du arbeitest ja schon seit 15 jahren mit plastiktüten.

ja, das kam ziemlich schnell nachdem ich mich entschieden hatte, kunst zu machen. ’96 oder so. ich hab schon vorher viel collagen gemacht, da ist das ist das mit den tüten als objet trouvé ja im weitesten sinne schon drin.
in der schule war ich kurt schwitters fan und hab altes gefundenes zeug zusammen gebaut, aber irgendwann wollte ich da auch wieder weg, weil, das konnte ich dann ja irgendwann. das war natürlich voll sixties und auch irgendwann vorbei. ich wollte was modernes machen und da war der nächste schritt, nicht mehr an der elbe treibgut zu sammeln, sondern in den baumarkt zu gehen.
ne alte eisen-scheibe vom elbstrand kann man eben nicht so ohne weiteres nachkaufen. ich wollte aber material, das verfügbar ist.

atelier sebastian zarius, lichtenberg 2014

und wie kam es dann zu den plastiktüten, was können die, was andere materialien nicht können?

plastiktüten sind erstmal n alltagsmaterial, was man nicht kaufen muss. und was unter anderem die eigenschaft hat, dass man licht durchschicken kann.

die erste arbeit, die ich in diese richtung gemacht habe, war ein stück staubsaugerbeutel im diarahmen. irgendwo stand n diaprojektor, da hab ich den staubsaugerbeutel reingesteckt und seitdem war klar: so kann man bilder herstellen. keine abbildungen, sondern durch den mechanismus werden die bilder erst gebildet. und plastiktüten funktionieren da wunderbar, die haben alles, was man braucht: farben und formen.

die nächste möglichkeit war dann, den diarahmen mit dem stück plastiktüte in nen fotoladen zu bringen und abziehen zu lassen. das hat gut funktioniert. da kamen dann bunt-monochrome minimal-popart bilder vom fotoladen zurück.

und was für fotoläden?

1000 töpfe, foto dose, immer die formate, die gerade im sonderangebot waren.
da war ich stolz drauf, zu sagen: „ich arbeite immer nachdem, was gerade im sonderangebot ist! gerade mach ich 50 x 70.“

[interviewerin und interviewter lachen sich kurz tot]

es gibt auch eine arbeit, da hab ich ein dia immer wieder abziehen lassen. im fotoladen den print abgeholt und das dia sofort wieder abgegeben und nochmal abziehen lassen. auf die weise war das dia locker 3 jahre bei 1000 töpfe. ich hab es natürlich nicht immer sofort abgeholt, manchmal hab ich es auch vergessen, dadurch gibt es jetzt ungefär 45 bis 50 abzüge und die sind alle verschieden. die farben sind anders, manchmal auch der ausschnitt, einmal war es sogar spiegelverkehrt.

auf die idee gekommen bin ich durch nen anderen künstler. der hat so ein himmel-foto in verschiedenen fotoläden der welt abziehen lassen und das sah immer leicht anders aus. da hab ich gedacht: das kannste doch auch in einem laden machen!

atelier sebastian zarius, lichtenberg 2014

wie ist es eigentlich mit der haltbarkeit?

naja, tüten altern natürlich und die farben verbleichen. das war mir aber immer klar. nur weil ich eine erhöhung von nem alltagsgegenstand mache, heisst das ja nicht, dass das material nicht dieselben eigenschaften hat, wie das zeug, was da ganz un-erhaben auf der wiese liegt.
da ist es manchmal komisch, wenn sich sammler nach zehn jahren beschweren, dass das orange nicht mehr leuchtet während das gleiche zeug zur selben zeit in dimensionen von nem kontinent auf dem meer schwimmt.

andererseits kann man bestimmte arbeiten mit den tüten, die es heute gibt, garnicht mehr machen, weil die mittlerweile zum teil kompostierbar sind. das zeug, was 500 jahre rumliegen kann ohne zu verrotteten, ist leider genau das, was man zum kunst-machen braucht. mit bio-tüten ist so ne collage in 4 jahren weg.

was ich auch interessant finde ist, dass dies alles inzwischen garkeine alltagsmaterialien mehr sind. diarahmen gibt es fast nicht mehr. früher haben hundert stück beim hersteller noch 10 euro gekostet, heute kosten die bei ebay minimum 30. eben weil keiner mehr dias macht gibt es auch die industrie nicht mehr. und die plastiktüte ist auch im begriff des verschwindens.
das heisst, die arbeiten haben heute eigentlich nur noch insofern mit dem alltag zutun, dass es ihn so nicht mehr gibt.

wie kam es eigentlich zu diesen akkumulationsbildern?
[siehe nächste abbildung]

unter anderem bedien ich damit eine künstlerlegende. die handelt davon, dass ein künstler den schaum vorm mund eines tollwütigen hundes malen will und es klappt und klappt nicht. im zorn nimmt er den schwamm und schmeisst in auf das bild und da schafft der schwamm dann den effekt.
so ist das hier auch: 15 jahre an tüten abgearbeitet und zum schluss alles einfach so in nen rahmen gestopft – „und es war gut“.
die arbeit heisst “horizont”.

wieso “horizont”?

das kommt aus der archäologie, so heissen da die grabungsebenen. die sind in diesem fall vertikal.

horizont 1, sebastian zarius

ist das mit dem verschwinden des alltags eigentlich der grund, warum du jetzt zur digitalen arbeitsweise übergeschwenkt bist?

das hat sich eher ergeben, weil es ja immer mehr teil des alltags ist. man hat ja inzwischen schon ein mehr oder weniger natürliches verhältnis zum digitalen entwickelt, da ist es ja naheliegend, es auch als werkzeug für die kunst zu nutzen. für mich ist photoshop dasselbe wie farbe und pinsel. deswegen ist es aber ja noch lange keine digitale kunst.

in der „goma“-reihe, die gerade in hamburg ausgestellt wird hab ich in erster linie schrift abgedeckt und wie das passiert spielt erstmal keine rolle. ich finde es aber erstaunlich, wie gut es funktioniert, obwohl es nicht materiell ist. also eben gerade nicht so wie konservative kunstmarkt-leute es gerne hätten, für die das material schon den selbstzweck erfüllt: „ist in öl gemalt, dann muss es etwas sein“ – für mich sind mit dem lasso hergestelle kratzer die schnörkel der moderne.

goma # 38, 30 x 40 cm, 1/1+1 AP, sebastian zarius, 2012

praktisch ist am digitalen ausserdem, dass ich jede fertige datei sofort auf meine webseite hochladen kann. früher hab ich immer erstmal die prints gemacht aber weil ja schon der arbeitsprozess am bildschirm stattfindet kann ich es auch gleich hochladen und jeder kann sich das sofort ansehen. es gibt dann allerdings nur ein ausgedrucktes original, das man kaufen kann.

auch den „goma“-katalog hab ich schon drucken lassen bevor noch der erste print überhaupt vorlag.
so wie man heute nen flug bucht und nicht mehr extra ins reisebüro muss kann man diese prozesse jetzt in der kunst eben auch nutzen und das ist doch super!

atelier sebastian zarius, lichtenberg 2014

deine arbeiten sind ja sehr dicht an der malerei. siehst du dich eigentlich als maler?

nein. aber mit „goma“ bin ich der malerei so nah wie nie, weil ich auf das bild mit allen digitalen möglichkeiten drauf arbeite.

richtig malen, so mit farbe, hab ich schon hin und wieder mal gemacht, zum beispiel hab ich mal angefangen, dia-collagen abzumalen, aber weil das bild ja bereits da war gab es eigentlich auch keinen grund mehr zu malen. warum soll ich farben kaufen wenn das material schon alle farben hat? ich hab die dias lieber projiziert statt sie zu malen.

es gibt aber diese landkarten-malerei, mit der ich vor 2 jahren angefangen hab. dafür stelle ich sogar selber farbe her, weil ich körperlose wasserfarbe mag und ei-tempera für mich am dichtesten an wasserfarbe dran ist.

im hintergrund: ein bild, basierend auf dem stadtgebiet von kisangani im kongo

im hintergrund: ein bild, basierend auf dem stadtgebiet von kisangani im kongo

die vorlagen stammen aus einem kartenarchiv im internet, von der universität texas. da gab es karten in extrem guter auflösung aus den sechziger jahren vom kongo. von einigen hab ich screenshots gemacht, die auf leinwand projiziert und gemalt. die flussverläufe sind wie auf der vorlage, den rest hab ich verändert.

diese arbeiten haben warscheinlich auch was damit zutun, dass ich vor dem studium länger dort war. ’89 ein halbes jahr und nochmal von ’92 bis ’94 bin ich durch
ost-, zentral und südafrika gereist, unter anderem zaire (heute kongo), malawi, mozambique und tansania.

basierend auf karten vom genzgebiet kongo-uganda. "das ist landschaftsmalerei von nem krisengebiet im landkartenstil."

basierend auf karten vom genzgebiet kongo-uganda. “landschaftsmalerei von nem krisengebiet im landkartenstil.”

atelier sebastian zarius, lichtenberg 2014

in kisangani hab ich nen einbaum gekauft und bin damit den kongo runter gefahren, 350 kilometer.
insofern haben die kartenbilder wohl indirekt auch was mit den faltbooten zutun, die ich baue.

wie ist das denn mit diesen faltbooten, ist das auch teil deiner künstlerischen arbeit?

im allerweitesten sinne.  man könnte es vielleicht zu kunst erklären im sinne von ein franz-erhard-walther-schüler benutzt selbstgebaute objekte oder als landschaftskunst, weil man damit über nen fluss fährt, aber eigentlich sind es erstmal nur boote, von nem künstler gebaut.

atelier sebastian zarius, lichtenberg 2014

faltboot "rakete" von sebastian zarius

faltboot "rakete" von sebastian zarius

faltboot “rakete” von sebastian zarius

aber ich find es gut, wenn mich leute auf gewässern nach der marke fragen und ich sage: „selbstgebaut!“. die haben extrem respekt, weil jemand, der sich mit booten auskennt, weiss, dass es ne harte angelegenheit ist, son boot zu bauen.
und wenn die leute mich dann fragen: „warum können sie das denn?“ dann sage ich natürlich: „weil ich künstler bin!“ damit tu ich dann auch was für die kunst, weil normalerweise können künstler sowas ja nicht!

[interviewerin und interviewter lachen sich kurz tot]

aber nur weil es kompliziert ist, ein boot zu bauen, ist es natürlich nicht automatisch kunst.

die fahrt auf dem rhein von düsseldorf nach emmerich steht aber in meinem lebenslauf. als einzelausstellung.

danke für das gespräch!

die ausstellung „goma“ von sebastian zarius im “projekthaus U.FO kunstraum” läuft noch bis zum 1. november.
öffnungszeiten sind donnerstags und freitags 16.00- 19.00 uhr sowie samstags 13.00-16.00 Uhr
das projekthaus ist in der bahrenfelder str. 322, 22765 hamburg

sebastians homepage

 

* die markierten fragen stammen aus dem buch „inside a painter’s studio“ von joe fig.

wie ich die artweek fand

zur artweek fällt mir diesmal leider nicht viel ein. das liegt aber weniger an der artweek, als am zeitmangel, da ich ja fotografieren musste und kein multitasking kann.
deswegen jetzt auch nur ein paar kurze notizen, die ich hier mal einfach so unsortiert ausschütte:

die positions hat mich streckenweise an die malerei-abteilung im baumarkt erinnert und weil ich als neuerdings-malerin immer scharf darauf bin, malerei zu sehen und hier endlich mal überwiegend malerei zu sehen war war das umso enttäuschender.
man fragt sich immer (um meine freundin henrieke ribbe zu zitieren) wie die ausgerechnet an solchen krempel kommen, wo doch die ganze stadt voll mit guter kunst ist.
gefallen haben mir dann aber trotzdem die bilder von paul pretzer bei jarmuschek, paul vergier bei lorch & seidel und die zeichnungen von ulrich kochinke bei fruehsorge.

anders als bei der ABC schien man auf der positions übrigens um einiges offensiver auf potentielle kunden zuzugehen.
wie ich vielleicht schonmal erwähnt habe lege ich eigentlich keinen besonderen wert auf beratung, nur selten stelle ich mal ne frage. auf der positions jedoch hatte ich offenbar eine magnetische ausstrahlung auf verkäufer. in teilweise schon irritierendem verkäufer-singsang wurden die features aufgezählt (studiert bei trallala, ausstellungsteilnahme im museum dingsdabumsda, lebt seit dannunddann in berlin) bis hin zu hahnebüchenen behauptungen zu vermeintlichen inhalten. währenddessen dachte ich hauptsächlich darüber nach, wie man am galantesten formuliert, dass man garnichts kaufen will.

an anderer stelle drückte ich mich eine ganze weile unentschlossen in einer koje herum, weil ich ausnahmsweise tatsächlich mal eine frage hatte. ich kam mir vor wie im supermarkt, wenn man versucht, ein mit sich selbst beschäftigtes verkäuferinnen-grüppchen irgendwie dazu zu bringen, wahrgenommen zu werden.
„entschuldigen sie, könnte ich kurz eine frage stellen?“
keine antwort.
„können sie mir vielleicht sagen, wie die künstlerin heisst?“
„steht doch da! an der wand!“
„oh, das hatte ich nicht gesehen. ok, dann mache ich einfach ein foto davon… oder haben sie vielleicht einen zettel mit den daten?“
zögert, dann: „ich könnte ihnen einen katalog geben.“
nimmt eine gefalzte postkarte, macht einen knick rein, überreicht sie mir und fragt: „wer sind sie denn eigentlich, wenn ich fragen darf?“
ich stocke. will sie meinen namen wissen?
„sind sie künstlerin?“
„ja.“
„ah –“ säuerliches lächeln, nicken und ab.

danach auf die potsdamer strasse. es war schon kurz vor zehn, vieles hatte schon zu. offen waren noch die ph-projects, ein projektraum der renommierten hamburger produzentengalerie. hier gab es eine installation mit namen “wohnzimmerwand” von einem ludwig schönherr.

vor der wohnzimmerwand traf ich die halbe hamburger kunstszene, ingrid scherr, peter lynen, gabi steinhauser und alexander höpfner, sodass das mit dem wohnzimmer irgendwie unter ging.
zuhause beim bilder sortieren tauchte das wohnzimmer dann wieder auf und ich googelte ein bischen herum, was es damit auf sich hat. auf der einladung stand: „Tilman Kriesel zu Gast bei ph projects / Produzentengalerie Hamburg zeigt Ludwig Schönherr“ ok, wer ist also dieser tilman kriesel?

in hamburg zumindest scheint er ein recht bunter vogel zu sein. die BILD-zeitung führt ihn sogar unter der rubrik „Hamburgs beste Partien“. das muss man erstmal hinkriegen als kurator.
er sei „Architekt und Kunst-Experte“ sowie „Hamburg-Spross der Industriellen- und Kunstsammler-Familie Sprengel aus Hannover“, meint die BILD, und eine „Gute Partie, weil… absoluter Insider des internationalen Kunst-Jetsets“.
zu guter letzt wird noch darauf hingewiesen: „Eine Frau ohne Kunst-Sinn und Sachverstand? Nicht vorstellbar. Hamburg und die Kultur-Welt sollten ihr Zuhause sein!“
schade, dass ich schon vergeben bin.

ausserdem finde ich noch eine webseite namens artadvisors, die kriesel betreibt. er schreibt:

Wer Kunstwerke sicher im Markt platzieren will muss den Käufermarkt genau prüfen, damit die Werke mangels Interesse nicht durchfallen. Die Arbeiten in die Hände des richtigen Händlers zu geben, das passende Auktionshaus am richtigen Ort zum geeigneten Zeitpunkt zu wählen oder die idealen Sammler anzusprechen ist eine Kunst für sich.

was meint er damit? wer als künstler erfolgreich sein will sollte sich nicht zu schade sein, sein fähnchen nach dem wind zu richten? und die richtigen leute zu kennen bzw. zu wissen, wie man sich an die ranwanzt, findet er so wichtig, dass er das gleich zur kunst erklärt? really?

und mit dieser interessanten einstellung kann man also in den räumen der produzenten kuratieren. dann wird dieser ludwig schönherr jetzt ja wohl richtig durchstarten. ich kannte den namen zwar bisher noch nicht, hab ich ihn mir aber ja hiermit aufgeschrieben.

auf der selben etage wie die der ph-projects befindet sich übrigens noch die galerie 401 contemporary, die gerade die arbeiten der 1934 geborenen mary bauermeister ausstellt. mary bauermeister kenne ich erst seit kurzem: seit ihrem interview in der zeit vor ein paar wochen.
das interview ist ziemlich fantastisch, was man vielleicht angesichts des etwas dümmlichen aufmachers „Er hat gesagt: „Ich liebe euch beide““ und den eher banalen fragen der journalistin nicht erwarten würde.
tatsächlich haben mich die antworten der künstlerin aber sehr berührt und jetzt kenne ich auch endlich ihre arbeiten.

ebenfalls empfehlen möchte ich abschliessend noch zwei ausstellungen: nina kluth und maja runznic bei born berlin sowie karen koltermann bei walden.
sehr gefallen hat mir auch rip, cut – grow im ballhaus ost (ua. mit einer neuen arbeit von nadja schöllhammer), die läuft aber nicht mehr.

tldnr: artweek – kann man hingehen.

große artweek foto-reportage

dieses jahr zur artweek gibts auch bei mir sone tolle fotostrecke, wie es alle machen.

ne rezension schreib ich noch, versprochen!

bitteschön:


die reportage ist übrigens größtenteils in kooperation mit der malerin henrieke ribbe entstanden, die auch auf einigen bildern zu sehen ist.

früher

48 minuten neukölln

gestern also wieder einer meiner legendären rundgänge. 48 stunden neukölln stand auf dem programm.

ich war verabredet mit hugo, einem ehemaligen kommilitonen, den ich, wie die meisten meiner neuen berliner kontakte, in hamburg noch nicht kannte. „kennen wir uns von der hfbk?“ „kann mich nicht erinnern aber gib mal deine nummer!“

henrieke ribbe, die gestern auf der 48 stunden neukölln bei dutch courage mit eröffnete, hatte ich auch so kennengelernt.

das konzept klang jedenfalls originell: ein haufen künstler (hauptsächlich ex- und ein paar noch-hamburger) hatten trinkgefässe getöpfert, die auch benutzt werden sollten: es würde freibier geben.

neukölln also.
die hausnummer finden wir schonmal: es ist ein einkaufszentrum. etwas unvorbereitet und beide gehandicapt durch einen nur rudimentären orientierungssinn stehen wir die ersten 10 minuten leicht verwirrt im eingang vor den fahrstühlen rum und starrten auf unsere smartphones. „warte mal – ich google das eben… huch, kein empfang.“

ein fahrstuhl hält, die tür geht auf, 100 hipsteraugen glotzen uns fragend entgegen.
„gibt es da, wo ihr hinfahrt, ne ausstellung?“ fragt hugo geistesgegenwärtig.
„keine anhnung, kann sein, im 5ten stock warscheinlich.“
wir steigen ein.

statt im fünften hält der fahrstuhl im untergeschoss. laaangsam gehen die türen auf. eine frau mit kinderwagen steigt zögernd ein. laaaangsam schliessen sich die türen. wieder erdgeschoss. türen auf. neue hipster steigen ein, die auch nach oben wollen. türen gehen laaangsam wieder zu. erster stock, türen auf. niemand. türen laaangsam wieder zu. wieder erdgeschoss. hugo und ich steigen aus.

mir fällt ein, dass es in einkaufszentren rolltreppen gibt.

oben angekommen irren wir wieder umher, landen im parkhaus. ein paar studenten vor uns.
„wisst ihr, ob hier eine ausstellung ist?“
„keine ahnung, kann sein.“
also hinterher.
im hintersten eck ist ein treppenhaus. wir steigen hoch bis es nicht mehr weiter geht. immer noch keine ausstellung. eine frau mit jutebeutel wartet vor den fahrstühlen, ein stockwerk gibts noch, meint sie. wir stellen uns resignierend daneben.

am ende landen wir tatsächlich auf einem parkdeck wo ein paar stellwände aufgestellt wurden und bilder dran hängen. dazwischen lungern matetee-trinker und eine 50 meter lange schlange hat sich vor der auffahrt zum obersten parkdeck gebildet. eine türsteherin kontrolliert den zutritt. immer wenn welche rauskommen dürfen welche rein. der tüp hinter uns sagt zu seinem begleiter: “das geht jetzt schnell, das ist jetzt die zeit wenn die frauen mit den kindern nach hause müssen.”

nach etwa 20 minuten sind wir an der reihe. gespannt tapern wir die auffahrt hoch, der sonne entgegen. es erwartet uns eine art alternativer dachgarten mit sitzbänken und – wieder eine tür mit türsteher. eintritt 3 euro.

hugo fragt den türsteher, was hinter der tür sei. der türsteher zählt DJ namen auf. „ja aber –“ stammle ich matt, „haben sie selbstgetöpferte bierkrüge?“
verzweifelt halte ich ihm mein handy mit dem facebook-event-eintrag entgegen. „kommt ihnen das hier irgendwie bekannt vor?“
der türsteher verneint. nie gehört. „versuchen sie es doch mal im erdgeschoss am infopoint! oder auf der webseite von 48 stunden neukölln!“

irgendwie gelangen wir wieder zurück ins erdgeschoss und suchen den ausgang. es ist spät und ich hab schwere beine.