hausverbot

mariola brillowska hat ihre memoiren geschrieben und ich hatte sie in 2 tagen durch. und möchte sie hiermit allen künstlerInnen, besonders allen hamburgern, wärmstens an die brust drücken.
das buch heisst „hausverbot“ [affiliate link].

ok, offiziell sind es keine „memoiren“, mariola nennt sich darin „lola“ und auch die meisten ihrer freunde und familienangehörigen heissen anders aber ansonsten hat sich bestimmt alles haargenau so zugetragen (was ich nicht hoffe).

und wer wie ich ein paar tage in der überschaubaren hamburger kunstszene verbracht hat und die meisten ihrer figuren persönlich kennt kann es vielleicht geniessen, wenn mariola an dem einen oder anderen protagonisten nicht allzuviele gute haare lässt.
ebenso wie man die erzählungen über die hochschule, die profs und die parties geniessen kann. das hat sich seit den achzigern offenbar auch ich sonderlich geändert (auch wenn die achziger chronisten das sicher anders sehen). weswegen man dieses buch warscheinlich auch ganz toll seinen verwandten schenken kann oder anderen nicht-künstlern: „lies das, dann weisst du wie ich lebe“.

ich brauche dieses buch jetzt jedenfalls nicht mehr zu schreiben, mariola hat alles schon gesagt. sie hat das buch geschrieben was geschrieben werden musste: darüber, wie es ist, als junge frau mit kind an der backe zu versuchen, künstlerin zu sein. ohne jemanden, der einem „den rücken frei hält“, ohne geld und das ausgerechnet in einer stadt, wo dies immer schon eine grössere rolle gespielt hat als alles andere. und das ausgerechnet als polin.

weil ich keine besonders ambitionierte inhaltsangaben schreiberin bin wollte ich mal nachsehen, was die anderen so geschrieben haben. vielleicht ist es ja zufall und feuilletonisten können das sonst besser aber hier bin ich ziemlich verzweifelt. muss man das so machen? werden texte ohne superlative nicht gelesen?
„Performance-Künstlerin, Animationsfilmerin, Autorin, Kunst-Professorin“ listet die szene hamburg. das irritierte mich. ich sah bei amazon nach, wie viele bücher mariola schon geschrieben hat ohne dass ich es mitbekommen hatte. achso, klar: 1.

aufzählungen scheinen aber wohl eh eine feuilleton-spezialität zu sein. petra schellen schreibt in der taz:

In ihren Performances und Theatershows tritt sie mal als Dornröschen auf, mal als Wunsch-Fee, mal als Hexe. Sie moderiert, singt, schreit […]

Und so liest sich das autobiografisch gefärbte Buch wie das Tagebuch einer Frau, die mal aufbrausend, mal burschikos kühl, mal sensibel ist.

ausserdem ein haufen phrasen:

[…] aber Brillowska suchte mehr: die Schönheit in der Kunst, ihre Unbedingtheit und Authentizität
Denn am wichtigsten ist ihr – und das passt zur Anarchie der als „Drama Queen“ gleichermaßen gehypten wie verschrienen Mariola Brillowska – die Suche nach Freiheit.

zum schluss werden dann nochmal alle markanteren erfolge gelistet (was sich mariola mit der szeneüblichen hochstapelei in die vita geschrieben hat, bierernst 1:1 übernommen)
und dann? kommt trotzdem eine abfuhr:

Das saugt einen erst mal ein, aber dann fängt man an zu ertrinken in dieser Flut an Begegnungen, Dramen, Reflexionen. Man wird hineingezogen in ein atemloses Immer-Mehr – bis man erschlafft. Und irgendwann möchte man nicht mehr wissen, wie die Geschichte weitergeht: Siebenunddreißig Höhepunkte hintereinander, das mündet definitiv in Lethargie.

ganz ehrlich? das problem mit den aneinandergereihten höhepunkten hat die rezensentin leider selber.

ich lese mariolas buch anders. natürlich hat es tempo aber es ist dabei nicht atemlos. es hat einen sympathisch ratternden rhythmus und ich kann ihren polnischen akzent heraushören, obwohl dass das buch lektoriert wurde (schade eigentlich – nicht nur wer mariolas beiträge bei den höflichen paparazzi kennt weiss ihr eigenwilliges deutsch zu schätzen) und je emotionaler sie wird umso kürzer werden ihre sätze.
dabei mäandert sie so vor sich hin. von einem mann zum nächsten, einem job, einer wohnung zur anderen, vom hausverbot im alsterhaus zur nächsten prügelei. es gibt aber eigentlich keine echten höhepunkte weil nichts heraus sticht und alles in gelassenem tonfall und aus der rückblickenden distanz erzählt wird. es liest sich so runter wie ein comic auf dem klo.
der begriff „drama queen“ zeugt hier von einem missverständnis.

eine angemessene, schöne rezension hat aber dafür françoise cactus geschrieben, die findet man hier.
und ich kann dem, was dort steht, nur noch hinzufügen: das buch „hausverbot“ ist ein ehrliches selbstportrait, das portrait von jemandem, den ich wirklich mag.