warum ich blogge

vor kurzem hat mir ein befreundeter künstler abends beim wein in erklärt, wieso künstler keine eigene webseite haben sollten. zumindest keine selbstbetriebene. das könne nämlich den anschein erwecken, man habe „es nötig“, man habe keine galerie, die das für einen besorge. ein erfolgreicher künstler liesse seine arbeiten, wenn überhaupt, nur über die galerie ins netz stellen. wenn man das selber mache sei das ein anzeichen dafür, dass es nicht so gut laufe. und den anschein dürfe man ja auf keinen fall erwecken.
das sei zwar scheisse aber was wolle man machen. „entweder du spielst mit oder du bist raus.“

ich muss dazu sagen, dass das im prinzip tatsächlich stimmt. und ich das auch bereits wusste bevor ich diese webseite baute. es gibt keinen reaktionäreren und spiessigeren haufen als die kunstszene. mit dem internet hat die es eh nicht so (soviele t-online emailadressen wie in meinem künstlerverteiler findet man wohl heute nirgends mehr).
wer mal ein bischen nach den grossen namen googelt kann feststellen: die meisten haben keine eigene homepage. zumindest die deutschen. in den usa setzt sich das langsam durch aber wenn man mal nach den jeweiligen kontaktdaten schaut sieht man, dass die selten vom künstler selbst betrieben werden sondern meistens von dessen galerie. oder man versucht mit allen mitteln den anschein zu erwecken, als sei die seite nicht in eigenregie entstanden. alles wird schön in der dritten person gehalten, damit es bloss nicht so aussieht, als hätte der künstler den kram etwa „erfunden“. ums glaubhaft zu machen muss da schon ein beglaubigter kunsthistoriker ran. der künstler selbst schreibt nicht und schon garnicht über seine eigenen arbeiten. arbeitsteilung wird im kunstbusiness grossgeschrieben. der künstler hat mit seiner arbeit, der imagepflege und der mühe damit, sich an die vielen ungeschriebenen gesetze zu halten, die dafür sorgen, dass man schön auf seinem zugewiesenen platz bleibt, schon genug an den hacken.

vielleicht liegt es nun daran, dass ich meine pubertät nie so recht abschliessen konnte oder an meiner vorliebe für alles narrative dass ich mich an solch antiquierte vorgaben nicht halten kann.

natürlich gibt es immer fälle, bei denen man denkt, hätte der spacken bloss seinen mund gehalten. seitdem ich mal ein interview mit damien hirst gelesen habe, kann ich die arbeiten nicht mehr ernst nehmen. tracey emins arbeit aber verehre ich gerade deswegen, weil sie schreibt und sogar ein bischen bloggt. ich habe erzählerische immer konzeptioneller kunst vorgezogen. kann sein, dass das mit meiner ausbildung zutun hat, an einer hochschule, an der hauptsächlich alternde, gescheiterte (in dem augenblick gescheitert, in dem sie die professur antraten) konzeptkünstler und minimalisten unterrichteten. wie man heute immer noch minimal produzieren kann ist mir eigentlich unverständlich. als teenie fand ich yves klein oder rothko vielleicht noch ganz interessant – heute stehe ich auf kunst, die auch etwas anderes kann als bloss im museum zu hängen oder im wartezimmer meines gynäkologen.

die textfrage war dann auch bei der planung meiner webseite eine ganz entscheidende. natürlich hätte ich auch irgendwelche kunstwissenschaftler fragen können. ich kenn ein paar, von denen ich was halte. aber so gern ich den einen oder aneren hab, ich bin mir nie ganz klar darüber geworden, wozu man aus der kunst eine wissenschaft machen sollte. die kunst braucht sowas zumindest nicht. und das publikum sollte auch lieber mal selber hinsehen als sich von anderen erklären zu lassen, was die sehen. vielleicht würde dann der markt nicht so voller zeug sein, was keiner überhaupt mehr ansehen mag.
es geht eben gerade nicht nicht darum, irgendwas zu erklären. abgesehen davon, dass es eh vergebens ist, weil es überhaupt nicht erklärbar ist, schadet es den arbeiten mehr, als dass es irgendwas bringt. wenn überhaupt sollten texte der kunst auf augenhöhe begegnen. sie sollten sich nicht unterordnen, sondern der kunst etwas eigenes gegenüber stellen. viele kunstgeschichtler kriegen das nicht hin. sie verehren die kunst und gleichzeitig hassen sie sie.
ich habe in kunstmagazinen und feuilletons schon berichte über meine arbeiten gelesen, die einen weitaus „prägenderen“ eindruck hinterliessen als es bisher je ein ausstellungsbesucher vermochte, der beispielseise die abkürzung nahm und über eine arbeit lief anstatt drumrum.
sofern ich selbst bestimmen kann, wer zu meinen arbeiten schreibt, würde ich jedenfalls immer eher einen künstlerkollegen bitten.

vor ungefähr fünf jahren begann ich mein erstes weblog zu schreiben. ich hatte damals ein atelier mit schaufenster in der hamburger innenstadt.
und plante, dort einen kleinen salon einzurichten, in dem ich die arbeiten meiner freunde und bekannten zeigen wollte. für dieses projekt sollt es auch eine internetseite geben, deren inhalte sich analog zu den ereignissen im salon verändern sollten.
irgendwo hatte ich damals mal von blogs gehört und hatte eine vage ahnung, dass so eine chronologisch umgekehrte form das richtige sein könnte. ich liess mir von einem freund ein paar html-codes zeigen und richtete zum üben ein testblog ein.

das salonprojekt kam dann nie zustande. das testblog allerdings begann sich zu verselbständigen. ohne zu wissen, was es mit dem bloggen eigentlich auf sich hatte, warum und wozu man das machte, veröffentlichte ich anonym erste kurze texte und entdeckte, dass sich da etwas ähnlich grenzenloses autrat wie beim kunstmachen. ein unbekannter raum, dessen grösse man kaum erahnen konnte. etwas zu schreiben, was sofort von jedem gelesen werden könnte, erschreckte und faszinierte mich gleichermassen. wollte ich das überhaupt? für meine künstlerische arbeit ist öffentlichkeit zwar lebenswichtig, ohne publikum kann ich keine kunst machen und genaugenommen kriege ich ohne ausstellungstermine überhaupt nichts geregelt – nur nutze ich meine künstlerischen werkzeuge mittlerweile einigermassen routiniert, ohne mich lange mit handwerklichem gedöns aufhalten zu müssen. beim schreiben bleibe ich genau daran hängen. mein wortschatz sitzt wie zu kleine schuhe. man kommt darin kaum vorwärts und schön sieht man darin auch nicht aus. nicht dass ich nicht geübt hätte. wie die meisten künstler habe ich mein leben lang alles aufgeschrieben, tagebücher geführt, den feuilletonheinis spickzettel geschrieben. aber ich werde wohl trotzdem nie das gefühl verlieren, mit zwei linken händen zu tippen.

nun ist es aber zum glück nicht so, dass ich mich mit fehlern nicht auskennen würde. in der kunst zum beispiel gibt es eigentlich garkeine fehler. es gibt nur unbeabsichtigtes. was aber sogar wünschenswert sein kann weil es neue wege eröffnet. je mehr kontrolle man behält umso weniger kann die sache ein eigenleben entwickeln. auch wenn viele so tun, als wüssten sie das, heimlich aber immer noch alles dransetzen und angeberisch die muskeln spielen lassen – ums können geht es schon ewig nicht mehr.
stattdessen geht es zum beispiel um leidenschaft. wer liebt bleibt dran und findet sich dabei auch mit der eigenen unzulänglichkeit ab. und die leidenschaft kann man sehen. ein gemälde, auf dem man zwar keine klare linie erkennen kann, aber dafür den schweiss des malers, ist nicht selten besser als eins mit geraden linien.
ich weiss nicht, ob das in der literatur ähnlich ist, aber ich bin ja auch keine literatin. ich blogge bloss und ringe öffentlich um gerade linien. früher anonym, das war einfacher. in meinem alten, anonymen blog habe ich mal geschrieben:

gerade das namenlose, das war der grund warum ich das bloggen so spannend fand. mich so perfekt verkleiden zu können, das verweben aus echtem, aus erfundenem, aus echtem das aussieht wie erfundenes, das wissen darum, dass du nicht weisst, wer das ist, der da sowas schreibt, die vorstellung, dass du glauben könntest, ich sei so, wie ich garnicht bin, deine zweifel daran, meine eigenen zweifel, dieser ganze wirrwarr – nichts anderes als das, was jeder tut, der geschichten erzählt, nie jedoch so enthemmt, so sinnlos und frei wie ein anonymer blogger.

jetzt habe ich die anonymität mal probeweise an den nagel gehängt.
ich probiere jetzt mal aus, was passiert, wenn ich die künstlerische arbeit mit dem bloggen verzahne. oder sie auch bloss nebeneinander stelle. ich habe immer damit geliebäugelt, das „making of“ irgendwie einzubinden und hatte doch bisher nie einen weg dafür gefunden. mein alltag, die geschichten daraus, die arbeit ansich, das ganze zeug was man anfängt und dann stehen lässt, das alles hat mit der kunst zutun die man macht. meine website hilft mir, die dinge zu verdichten, so wie es kein katalog, kein gewöhnliches portfolio schafft. meine website ist ein universalwerkzeug. sie kann zwar noch nicht selbst kneten aber sonst fast alles. ich bin froh, dass ich sie hab.