im hamburger bahnhof auf den spuren nicole zepters

bin mit karin im hamburger bahnhof weil sie die harun farocki ausstellung sehen will. um über die 14 euro eintritt pro person seelisch hinwegzukommen beschliessen wir, dort einfach den tag zu verbringen und bleiben vor jedem film so lange sitzen bis er wieder von vorne anfängt und dann bleiben wir immer noch sitzen um alles nochmal in ruhe durchzudiskutieren.
mehrere stunden halten wir uns ausschliesslich im dunkeln auf und abgesehen von ein paar aufsichten sind wir dort die meiste zeit alleine, sodass ich irgendwann sogar anfange, mir im gehen das kleid unters kinn zu klemmen um die rutschende strumpfhose hochzuziehen.

beide haben wir kürzlich das buch „kunst hassen“ von nicole zepter gelesen, in dem die autorin sich ua. den hamburger bahnhof aufs korn nimmt, und vor diesem hintergrund zottelten wir nun gemeinsam durch die heiligen hallen, mal sehen, ob die zepter recht hat.

nach farocki nehmen wir uns „wall works“ vor. eine ausstellung in den selben räumen in denen letztes jahr kippenberger hing.
ich war seitdem nicht mehr hier und davor überhaupt nur ein einziges mal im hamburger bahnhof (um einem potentiellen sexualpartner zu imponieren dem ich hier eine arbeit von mir zeigen wollte).
die kippenberger ausstellung hatte mir schon nicht gefallen, diese hier ist nun in etwa so aufregend wie im lexikon zu blättern: nauman, trockel, donald judd, sol lewitt, sherrie levine, mona hatoum und cy twombly. „es fehlen noch andy warhol, cindy sherman und jenny holzer“ sage ich zu karin und karin sagt: „fiel mir auch gerade auf!“

anders als bei kippenberger ist diese ausstellung aber auch auffallend leer. ausser den wächtern und uns ist fast niemand hier. wir fühlen uns gut aufgehoben.

irgendwann stehen wir vor der gartenskulptur von dieter roth, eine dauerhaft installierte arbeit, die ich schon aus der kippenberger ausstellung kenne.
ich frage einen der wärter: „von wem ist das nochmal?“
er nennt den namen und fügt hinzu: „falls sie noch weitere fragen haben wenden sie sich gerne jederzeit an mich! ich kann ihnen jede frage beantworten!“
ich bringe es nicht übers herz abzulehnen und denke mir irgendwas aus:
„dann würde mich interessieren, inwiefern diese arbeit konzeptionell in die kippenberger ausstellung letztes jahr eingebunden wurde, ich hatte darüber was gelesen, erinnere mich aber nicht mehr daran.“

„DAS ist nun ausgerechnet die einzige frage die ich nicht beantworten kann!“
„ok, macht ja nix, dann würde mich interessieren: kannten sich kippenberger und roth eigentlich? waren die nicht sogar befreundet? wann ist roth nochmal gestorben?“
„das weiss ich leider auch nicht, aber hier steht es. wenn sie mal bitte schauen möchten –“
er verweist auf das schild mit den details zu arbeit und liest vor:
„gartenskulptur 1968 dieter roth 1930 – 1998. roth ist also 1968 gestorben“
„“
„ich kann ihnen aber gerne auch noch etwas zu dem kunstwerk sagen – “
„ok“
„ – es handelt sich hierbei nämlich nicht um ein gemaltes bild sondern um ein werk aus ganz verschiedenen unterschiedlichen materialien. es ist eine sogenannte installation.“

ich habe wieder eine frage zu kippenberger. mit kippenberger habe er aber nun ausgerechnet nie soviel anfangen können, der habe das ende der kunst vorhergesagt, das habe ihm nicht gefallen. der sei aber ja auch ein sogenannter konzeptionskünstler gewesen.

karin erzählt, dass sie sich eigentlich auch nie so übertrieben für kippenberger begeistert habe, dass in der philip guston ausstellung bei falckenberg aber auch ein paar kippenberger hingen, und gerade so in gegenüberstellung mit gusten habe sie bemerkt, dass kippenberger ja schon ein fantastischer maler war. besonders gefallen habe ihr auch die tennisplatzarbeit („The Happy End of Franz Kafka’s Amerika“) 99 in den deichtorhallen. überhaupt dieses aufzeigen des eigenen scheiterns – schon wirklich sehr grossartig.

daraufhin der wärter, sichtlich bewegt: SO HABE ER DAS JA NOCH GARNICHT GESEHEN! jetzt gefiele er ihm gleich schon viel besser!

als wir weitergehen informiert er uns noch, dass es auch einen mal-tisch für besucher gebe, wo wir gerne auch etwas malen könnten.
wir bedanken uns für das nette angebot, wir würden das auf ein andernmal zu verschieben.

eine der letzten „wall works“ arbeiten ist von nasan tur. laut berliner zeitung hat dieser künstler hier „eigenhändig mit roter Farbe Hunderte Sprüche aus dem öffentlichen Raum Berlins an die Wand [gesprüht], bis nur noch eine rote Fläche blieb.“
vor dieser fläche am boden liegen ein paar dutzend leere sprühdosen. es sieht nach arbeit aus.

ausserdem läuft ein video, wo man zusehen kann, wie der künstler auf einem hubwagen stehend sprüht und wie sich die wand im zeitraffer langsam füllt. und am boden davor liegt: nichts.

die fragen die diese arbeit also aufwirft sind:
wieso liegen im video keine dosen am boden?
hat der künstler die dosen erst hinterher dort drappiert und warum?
ist es tatsächlich machbar, eine derart grosse fläche mit nur ein paar dutzend dosen zu füllen?
ist es tatsächlich notwendig, die dose nach jedem strich zu schütteln?
sind diese fragen eigentlich relevant?
kann es sein dass die arbeit ein kompletter fake ist?

karin fragt die aufsicht: „wissen sie zufällig, wie lange der daran gearbeitet hat?“
„das kann ich ihnen leider nicht sagen.“

nachdem wir inzwischen 2 komplette ausstellungen durchschritten und durchdiskutiert haben begegnen wir nun endlich auch dem „Room With My Soul Left Out, Room That Does not Care“ von bruce naumann, von dem der museumsleiter prof. dr. eugen blume im interview mit der zepter so schwärmt.
er sagt darin folgendes:

Room With My Soul Left Out, Room That Does Not Care« von 1984, behandelt für mich ein zentrales Thema, nämlich die Frage nach der Seele. Also die Frage nach der Transzendenz, die uns christlich geprägten Europäern in einer sehr abstrahierten Figur wie Jesus Christus, quasi aus einem Gottmenschen heraus, ein Koordinatensystem zur Verfügung stellte, woraus wir unsere Wertevorstellungen nicht nur seit über 2000 Jahren schöpfen, sondern auch überprüfen können. Wenn man das kippt, und alle Vorstellungen nach Transzendenz, Ewigkeit, nach dem, was nach dem Tod passiert, die Frage nach der Seele nicht mehr stellt oder für esoterischen Unfug hält, wenn wir also eine materialistisch-atheistische Gesellschaft forcieren, entsteht die Frage, halten wir das als Menschen überhaupt aus?
[…]
Nauman benutzt ja in der Kreuzform bewusst die Vierung der Kirchenbauten als ein architektonisches Element der christlichen Baukultur. In dem zentralen Punkt dieses gebauten Raumkreuzes, wo das eigentliche Ereignis stattfindet, nämlich am Ort der Heimat oder der Verehrung der Seele, da ist bei ihm das Nichts.

Was glauben Sie, wie viele Besucher das Nichts empfinden?

Die meisten. Sie stellen nicht unbedingt diesen großen Zusammenhang her, den ich jetzt hier nur skizziert habe. Aber sie empfinden in diesem Raum etwas Eigenartiges, was sie beunruhigt. Und das ist für mich das wertvollste an dieser Arbeit.

schwerfüssig mache ich mich also auf den weg, in freudiger erwartung einer „beunruhigenden“ erfahrung. und tatsächlich! plötzlich stehe ich auf einem metallrost, eine etwa 2 x 2 meter große quadratische fläche unter der es mehrere meter tief hinab geht.
die roste liegen nur auf zwei dünnen metallträgern und quietschen und wackeln bei jedem schritt. und – was soll ich sagen – ich hatte herzklopfen!
ich kenne mich da schliesslich aus. meine skulpturen haben auch nie lange gehalten. eine ist von der decke geplumpst, eine andere zum wiederholten mal von der wand.
ich halte den atem an und taste mich vorsichtig zurück aufs festland.

über „kunst hassen“ schreibe ich die tage noch ein bischen mehr. zum hamburger bahnhof kann ich schonmal sagen: die aufsichten waren alle freundlich und der tag 14 euro wert. nur das catering (tasse wasser mit teebeutel für 3,50 – wtf!?) könnte man nochmal überarbeiten.

zur graffiti thematik übrigens das statement vom sohn: „nach jedem strich schütteln? machen nur toys