mein kleiner beitrag zu #metoo

langsam scheint das interesse an #metoo, zumindest in meiner facebook-timeline, abzuflauen. ein paar frauen haben schüchtern ein kommentarloses #metoo abgesetzt, ich hab das auch gemacht, und viele männer und wenige frauen haben sich darüber aufgeregt.

ich wollte dazu eigentlich auch garnichts mehr schreiben, das haben schon genug andere gemacht. ausserdem glaube ich langsam auch nicht mehr daran, dass man bei denen, die fragen, ob wir frauen etwa keine blumen mehr geschenkt bekommen wollen, mit argumenten irgendwas ausrichten kann. oder bei denen sich um die genies sorgen (die ja immer schon komplizierte persönlichkeiten waren) oder die autonomie der kunst.

aber ich rege mich halt weiterhin darüber auf. sehr. ich fühle mich von den relativierern persönlich beleidigt und es schockiert mich, wie viele meiner facebook-kontakte sich abfällig über die #metoo bewegung geäussert haben.

ich bin (wie die meisten meiner weiblichen bekannten) mein ganzes leben immer und überall mit pimmel-hinhaltern konfrontiert gewesen und es macht mich fassungslos, dass garnicht wenige leute aus meinem persönlichen bekanntenkreis sich lieber über „hysterischen“ metoo-frauen aufregen als über ihre pimmelschwenkenden geschlechtsgenossen.

in meinem blog hatte ich schonmal irgendwann eine kleine liste gepostet von meinen persönlichen top ten zum thema „sexismus am arbeitsplatz“.
top 10 heisst aber ja nicht, dass das alles war. eigentlich was es nur das, was mir damals spontan einfiel. und es bezog sich auch ausdrücklich nur auf meine beruflichen erlebnisse.

deswegen will ich das hier jetzt nochmal etwas ausführlicher behandeln. und mal erklären, was ich damit meine, wenn ich sage, dass ich mein ganzes leben lang unwillentlich mit pimmel-haltern konfrontiert gewesen bin.

ich fang mal in meiner teenagerzeit an. ich war 15 oder 16 als mir der vater meiner besten freundin eröffnete, er habe einen job für mich. er wisse ja, dass seine tochter und ich immer auf der suche nach jobs wären, babysitten, nachhilfe und sowas. er habe etwas besseres. er müsse die tage dienstlich mit dem auto nach hamburg reinfahren (die fahrt dauerte ca. 45 minuten) da könnte ich ihn begleiten. er würde es mir dann unterwegs erklären.

es dauerte tatsächlich die ganzen 45 minuten bis er zum punkt kam. für geschäftsfreunde suche er eine „weibliche begleitung“. und wenn ich interesse hätte würde er mich vorher „testen“. wir könnten das gleich hier in hamburg machen, im hotel.
ich lehnte höflich dankend ab, tat, als wäre es das normalste von der welt und eigentlich ein super angebot.
später erfuhr ich, dass er dasselbe auch bei einer anderen freundin seiner tochter versucht hatte, und jahre später, dass er innerhalb der familie „handlungen“ ausgeführt hatte.

zu ungefär derselben zeit hat mich auch mein kunstlehrer, den ich sehr verehrte, in der schule angebaggert. er war mitte 30, also 20 jahre älter als ich.
er bat mich, nach der stunde länger zu bleiben, kam dann auf mich zu und meinte: das hier – dabei streichelte er meine hüfte – mache ihm sehr zu schaffen.
weil ich signalisierte, dass ich kein interesse hatte, gab er mir von dann an schlechte noten und behandelte mich herablassend. das war sehr schlimm für mich, weil kunst mein lieblingsfach war.
zum nächsten schuljahr hab ich dann die schule gewechselt.

nur kurze zeit bevor dieser lehrer es bei mir versucht hatte hat er auch eine andere mitschülerin angebaggert und bei einer dritten hatte er dann auch erfolg, die ist sogar noch vor dem abi bei ihm eingezogen.

er praktizierte seine vorliebe für minderjährige ganz offen. er machte sich nicht die mühe, es zu verheimlichen, wozu auch, es wurde ja in keinster weise geahndet.

nach seinem dem tod vor ein paar jahren stand noch ein langer ehrender artikel über den tollen pädagogen und künstler in der stadtzeitung.

die geringschätzung von frauen bzw. mädchen wurde aber auch von anderen lehrern an dieser schule ganz offen praktiziert. es gab lehrer, die mädchen prinzipiell schlechter benoteten oder sich sogar weigerten, sie zu unterrichten. ich hatte einen sportlehrer der mädchen auf der bank sitzen liess während er mit den jungs unterricht machte. derselbe lehrer unterrichtete auch deutsch. einmal gab er mir mal ein referat zurück mit der frage: „auf dem eigenen mist gewachsen?“ als ich bejahte entgegnete er: „erzähl mir doch nichts, mädchen.“

mit noch nicht ganz 18 zog ich nach hamburg. als schülerin und später studentin war ich täglich mit öffentlichen verkehrsmitteln unterwegs und das angebaggert-werden nahm kein ende. einmal hat mich ein mann im bus dermassen bedrängt dass ich angst hatte, auszusteigen und alleine nach hause zu gehen. ich bin dann in eine videothek gegangen und hab dort eine stunde gewartet bis ich annahm, dass der mann von der strasse verschwunden war.

einmal hat sich einer einen runter geholt als ich mich bei ihm im hotel für einen job bewerben wollte. ein anderer als ich beim trampen neben ihm im auto saß – während der fahrt. hinterher hat er mich nach nem taschentuch gefragt.

an der hochschule gab es auch noch eine anekdote, die ich bei meinen oben erwähnten top-ten vergessen hatte:

ein von mir sehr verehrter professor bot mir auf einer feier das „du“ an. um das zu besiegeln, meinte er, müsse man sich aber auch küssen.
da ich einen verbrüderungskuss nicht als einen sexualler art einstufte willigte ich ein und mein prof steckte mir dann ungefragt seine zunge in den mund. ich war 29, er über 60.

der professor hatte viele fans unter den kommilitonInnen, so auch eine andere studentin die ebenfalls als gast auf der feier war. später erzählte sie mir, dass er sie an dem abend gefragt habe, mit wievielen männern sie schon geschlafen habe und wie denn ihr erstes mal gewesen sei.
die geschichte geht auch noch weiter aber ich finde, bis hier hin reicht es.

dann fällt mir eine geschichte ein wie ich mal mit freundin und unseren kindern an einem badesee war. unsere kinder waren noch klein, vielleicht so 3, 4 jahre alt. wir sassen auf einer picknickdecke und ein nackter mann stolzierte an uns vorbei, keine 2 meter entfernt, mit bis zur brust hochgeklappten penis.
als er im gehölz verschwand dachten wir, die luft wäre rein, er käme nicht wieder, aber wir irrten. er kam noch mehrmals wieder, so lange bis wir zusammenpackten.
wer also meint, dass diese „zeiger“ wenigstens vor kindern halt machen, irrt.

apropos. einmal sass ich nachmittags auf dem kinderspielplatz bei uns zuhause ums eck. mein etwa 4-jähriger sohn musste mal und ich empfahl ins gebüsch zu gehen. ich sass keine 10 meter weit entfernt auf der bank. nach dem pischern kam er auf mich zu, irritiert, da habe ein mann hinterm zaun gestanden, der habe gefragt, ob er mal anfassen dürfe. (was mein sohn natürlich abgelehnt hat.)

jetzt wo ich das schreibe höre ich innerlich schon die relativierer: „er hat doch nur gefragt!“

und es gibt noch mein jahr in der werbung. damals dachte ich, aufhören zu müssen kunst zu machen, weil ich nichts verdiente, und ich arbeitete ein knappes jahr in einer online-agentur, vollzeit. das war die schlimmste zeit meines lebens. damals wurde mir klar, dass ich es in der kunstwelt doch ganz gut hatte, auch ohne geld.
mein job war im bereich projektmanagement, das heisst im groben, ich musste sachen mit kunden abstimmen und den grafikern und programmierern aufträge erteilen.

mein vorgesetzter nannte mich „mäuschen“. ich sagte ihm, dass ich das scheisse fände, dann nannte er mich schätzchen.
ein programmierer sagte mir ganz offen, vor versammelter mannschaft, er liesse sich von mir als frau nichts sagen. ich solle meinen (männlichen) team-leiter schicken. das tat ich. der teamleiter schüttelte genervt mit dem kopf und ging zum programmierer. keine weitere diskussion.

dann gab es den leiter der programmierung. der starrte mir in gesprächen permanent auf den busen und es ist schon wirklich anstrengend, wenn jemand die ganze zeit etwas fixiert was ungefär 40 cm tiefer liegt als meine augen.
in meetings starrte er unter dem tisch meine beine an und machte das auch ganz offen und demonstrativ. und darum ging es auch nur: nicht etwa um geilheit sondern um die demonstration von macht. „ich bin hier der leiter und du bist arsch und titten.“

die stimmung in dieser agentur war jedenfalls die hölle. ein immerwährendes „muschi, lass dir das mal von nem profi sagen!“ wenn man sowas 9 stunden am tag ertragen muss ist das viel schlimmer, als vom einem peinlichen alten prof in die brust gezwickt zu werden. ich hab damals nachts kaum noch geschlafen und war die letzten 2 monate bevor meine kündigung wirksam wurde aufgrund von psychosomatischen beschwerden krank geschrieben.

ich bin jetzt 47, leicht übergewichtig und trage im alltag mit vorliebe beutelige klamotten. ich schminke mich nur noch selten und hohe schuhe finde ich von jeher bescheuert und kürzlich habe ich mir eine skijacke in der herren-abteilung gekauft – soviel zur optik.
in diesem aufzug bin ich vor ein paar wochen mit meinem mann in der u-bahn gefahren. uns gegenüber sass ein anderer mann. sobald wir uns gesetzt hatten fing dieser an mich anzustarren. dieses klassische starren mit geilem blick. hat nicht viel gefehlt und er hätte sich im schritt massiert. meinem mann ist das auch aufgefallen aber er kann mit sowas genauso wenig umgehen wie ich. also sind wir halt wieder aufgestanden und mussten auch irgendwann aussteigen.

ich will damit nur sagen: kranken arschlöchern ist es egal, wie frauen sich kleiden, ob sie jung sind oder alt, ob sie in begleitung von ehemännern oder kindern sind – es trifft einfach die nächstbeste, die sich zufällig auf den freien platz gesetzt hat.

so, jetzt nochmal kurz zu der scheisse, die man sich anhören muss, wenn man diese ganzen oben erwähnten sachen auf irgendeine weise öffentlich thematisiert.

ein standard-vorwurf ist zb. das ich mich selbst „zum opfer machen“ würde. oft sind es andere frauen, von denen man sowas hört. „mir ist sowas noch nie passiert“ hört man auch häufig.

meine standard-antwort dazu lautet: nein. ich MACHE mich nicht zum opfer. es sind andere, die VERSUCHEN, mich zum opfer zu machen, aber ich wehre mich. ich schreibe zum beispiel gerade einen text dagegen.

opfer wäre ich, wenn ich machen würde, was die schwanzwedler erreichen wollen: uns frauen weghaben. ich bin aber noch da und bleibe auch.

jetzt meine antwort auf „also ich hab sowas noch nie erlebt“:
wenn man das haus nicht verlässt mag das zutreffen.

frauen allerdings, die aktiv an dieser gesellschaft teilnehmen, die sich beruflich vielleicht sogar einen platz in den vorderen reihen erkämpfen wollen, frauen die kinder großziehen und daher auch nicht vermeiden können, auf die straße zu gehen – diese frauen erleben sowas. und manchmal erleben sowas sogar auch männer (von kindern ganz zu schweigen).

das weiss ich deshalb, weil ich dabei war. weil ich es gesehen hab, so wie es jede/r sehen kann. und weil es mir erzählt wird, so wie es jede/r erzählt bekommen hat der mit anderen menschen redet.

und was mir erzählt wurde handelt nicht nur vom glotzen und grapschen. ich kenne sogar mehrere frauen persönlich, die nicht nur misogyne männliche verwandte ersten oder zweiten grades hatten (wie ich) sondern welche, die für ihre handlungen definitv in den knast gehören – wo sie leider nicht sind.

mag sein, dass es sich manche irgendwie so hindrehen können, tittenglotzende vorgesetzte als kompliment zu verstehen, aber wenn ICH es nunmal anders empfinde, warum kann jemand, sollte er sich tatsächlich in der behaupteten priviligierten situation befinden, soetwas „nicht erlebt“ zu haben, warum kann sojemand nicht einfach mal die fresse halten? warum muss man es unbedingt wegreden wenn leute versuchen, einen missstand zu beheben indem sie darüber sprechen?

warum müsst ihr euch über das „berufsverbot“ von kevin spacey aufregen, oder darüber, dass der regisseur beschlossen hat, ihn aus seinem film zu schneiden, statt euch über das verhalten aufzuregen, was dazu geführt hat?

und jetzt nochmal was zum namen-nennen: ich habe auch noch nie namen genannt. aus dem selben grund warum die meisten anderen das auch nicht machen: ich traue mich nicht. ich habe angst vor dem „backlash“ und einer verschlimmerung. genauso wie ich nie zur polizei gegangen bin. weil ich die erfahrung gemacht habe, dass es in den seltensten fällen etwas verbessert hat.

dass namen zu nennen selbstjustiz sei wird oft gesagt. auch „opfer“ hätten sich an die regeln zu halten und weil sie das nicht gemacht haben wurden halt jetzt karrieren zerstört.
dass diese tüpen ihre karrieren durch ihr verhalten selbst gefährdet und letztlich ruiniert haben wird beharrlich ignoriert.

und wenn es tatsächlich „rufmord“ wäre: was spricht dagegen, dass die betroffenen selber den rechtsweg gehen? gute anwälte scheinen sie doch zu haben, die haben sie ja auch vorher jahrelang dafür gesorgt, dass nichts öffentlich gemacht wurde.

(dieser artikel hat keinen schlussatz. ich habe ihn nochmal um ungefähr die hälfte gekürzt. in der originalversion standen am ende ein paar fäkalwörter, die bitte einfach dazu denken.)