meine kleine schwester

meine schwester und ich hatten immer ein schwieriges verhältnis. wir sind 3,5 jahre auseinander, sie die jüngere, die unter mir zu leiden hatte. ich war laut, sie leise, ich war größer und stabiler als sie und neben mir sah sie aus wie ein kleines äffchen. sie weißblond und süss, ich nervig. sie war das lieblingskind unseres vaters, ich das der mutter.

heute hat sich vieles ins gegenteil verkehrt. sie ist deutlich größer als ich und auch garnicht mehr leiser. wir sind quasi beide gleich *zu laut*. sie steht mit beiden beinen im leben, ich nicht so. ich wanke von einer psychotherapie in die nächste, sie ist beamtin. sie geht arbeiten und zieht „nebenbei“ alleinerziehend meinen 5-jährigen neffen groß.

anders als ich konnte sie aber auch immer gut abschalten. früher hat sie unsere mutter damit in den wahnsinn getrieben. in der welt unserer mutter war grundloses rumsitzen oder rumliegen nicht vorgesehen und war sogar einer der gründe, warum sich unsere eltern trennten. unsere familie ist gewissermassen zur hälfte entspannt und sofaaffin und zur anderen hälfte unentspannt. ich gehör der letzteren an.

meine schwester konnte auch immer gut mit geld, sie ist sparsam und pragmatisch – ich in allem das gegenteil. dieser punkt ging in den augen unserer mutter ausnahmsweise mal an sie.

jahrelang hatten wir keinen kontakt. aber vor kurzem schrieb ich ihr eine mail und nun telefonieren wir wieder einmal die woche und besuchen uns gegenseitig.

gestern so am telefon:
ich: „ich kann keinen sport machen, dafür hab ich keine zeit, ich muss bilder malen.“

sie: „wozu? du hast doch schon so viele gemalt.“

heute bleib ich zuhause und mach… vielleicht mal sport.