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das ende der fahnenstange

(hier endlich mein seit 2 wochen überfälliger gallery-weekend-bericht. nicht mehr ganz so tagesaktuell aber weil ich schon am tag danach das meiste wieder vergessen hatte, spielt das auch keine rolle.)

das letzte mal auf dem gallery weekend war ich ungefär, als die mauer noch stand. ich komme aus einem kleinen kaff im norden* in dem man die relevanten galerien an anderthalb händen abzählen kann und entsprechend aufregende kunst und lange nächte erwartete ich.

nun bin ich keine besonders engagierte ausstellungsbesucherin. beim reinkommen überfliege ich die räume, und nur wo mein blick hängenbleibt, das kuck ich mir auch an. sachen, die mich nicht interessieren, an denen lauf ich vorbei. und das meiste interessiert mich nicht.

ich schlendere durch ausstellungen und suche nach einer arbeit, die mein herz zum klopfen bringt. bis ich die gefunden hab befinde ich mich in einer art schlafähnlichen stand-by modus. je mehr nichtssagende arbeiten ich passiere, desto träger werde ich. mit der zeit muss ich meine suche auf sitzgelegenheiten und kaffeeautomaten ausweiten, um nicht im stehen einzuschlafen.

zum glück war das gallery weekend abends immer schon frühzeitig beendet. freitag um 21 uhr und samstag und sonntag um 19 uhr zur besten sandmännchenzeit. wenn ich mich also um viertel nach sieben in unserer zimmer am prenzlauer berg zurück schleppte und hinter mir die tür zufiel war ich augenblicklich im tiefschlaf.

ich muss allerdings zugeben, dass es auch an meinem begleiter gelegen haben könnte. der ist tänzer an der hamburger staatsoper und wir waren mit dem fahrrad unterwegs. wer mal drei tage auf dem fahrrad hinter einem profitänzer her gekeucht ist, der weiss was er geleistet hat.

unsere erste station war die galerie crone. das ergab sich zufällig, dennoch wurde die ausstellung bei crone gewissermassen zum vorboten von dem, was uns später noch so allgemein erwartete: hans arp und andy warhol.
weiter braucht man dazu wohl nichts zu sagen.

 

highlights

das meiste, was mir gefiel, war garnicht im offiziellen weekend-programm. paul thek und luc tuymans bei isabella czarnowska war zum beispiel eines meiner highlights. nicht dass mir tuymans und thek neu wären, aber immerhin wusste ich vorher noch nicht, dass ich fan bin. das weiss ich jetzt.

ebenfalls empfehlenswert ist die ausstellung des briten stuart brisley bei exile, eine galerie die für berliner verhältnisse beinah bescheiden anmutet.
unfassbar, was dieser brisley sich da zurecht aquarelliert hat. fast noch unfassbarer, wenn man erfährt, dass der mann 80 ist, als performancekünstler gilt und 5 jahrzehnte aktionskunst im besten sinne der wiener aktionisten hinter sich hat.

komplett überwältigt haben mich aber die keramiken der niederländerin carolein smit in der galerie e105. sie schrammen zwar gefährlich nah an diesem grafikdesign-gothik-kram entlang, kunsthandwerk spielt auch ne rolle, aber dennoch: man muss mal um so ein keramisches häufchen elend herum geschritten sein und erleben, wie einem dabei der atem stockt.
aus hamburg bin ich es gewohnt, dass galeristen sich eher durch blasiertheit als durch verkaufstalent auszeichnen. die galeristen von e105 waren ein herzerwärmendes gegenbeispiel. obwohl wir fast die letzten gäste waren wurden getränke aus der küche geholt und auf meine frage, ob es möglicherweise einen katalog der künstlerin gebe, wurde herumtelefoniert bis eine antwort gegeben werden konnte: hier gibt es den katalog.

eine der wenigen offiziellen weekend ausstellungen die mir gefiel war martin eder bei eigen + art. ich mag den eder sonst eigentlich nicht besonders, kitsch interessiert mich nicht mehr so, erst recht kein ironischer, und männer, die nackte frauen mit pudeln portraitieren, törnen mich eher ab. aber diese ausstellung war anders. die seltsam murksigen aluminiumköpfe, wie überdimensioniertes silvester-bleigiessen, und auch diese schrecklich-schöne holzskulptur (ok, das war wieder kitsch) und der ganze aufbau – alles irgendwie ganz gut. naja, bis auf das bild.

trotz aller vorurteile gegenüber stargaleristen muss ich ausserdem zugeben, dass mir dieser harry lybke sympatisch ist. ich mag leute die ihren job machen und der lybke scheint das wohl zu tun. ausserdem hab ich ein herz für haudegen und hab auch noch nie verstanden, wieso manche meinen dass man als galerist ein neurotischer snob sein muss. lybke scheint jedenfalls keiner zu sein.

bei carlier | gebauer im hinteren showroom hab ich rosa barba entdeckt, die mit projektoren und filmmaterial arbeitet und daraus kinetische apparate und installationen baut und laut wikipedia auch filme macht.
als wir da wieder rauskamen war ich hellwach.

weitere ausstellungen, die ich nicht im tiefschlaf durchwanderte, waren reKOLLEKT – 9 Jahre Party Arty im kunstraum kreuzberg und BERLIN.STATUS im künstlerhaus bethanien.
diese ausstellungen waren tatsächlich das, was ich mir unter dem gallery weekend vorgestellt hatte: alles vollgeknallt mit zeug, echter rock‘n roll. mehr hängen ging nicht ausser man hängt in schichten. ein paar gute arbeiten dazwischen und auch viel schrott – aber so mag man eben sogar schrott.

interessant war übrigens die unterschiedliche aufkommensdichte neo-konstruktivistischer und neo-kubistischer retro-kunst. während ich in keiner einzigen kommerziellen berliner galerie auch nur eine an die wand gelehnte latte entdecken konnte stand in den freien ausstellungshäusern wieder alles voll.
das verwirrte mich, weil ich eigentlich angenommen hatte, dass es sich bereits um einen kommerziellen trend handelt. schliesslich werden rauten, kuben und kristalle in hamburg nicht bloss in off-spaces gezeigt sondern auch und sogar vorwiegend in galerien.
es kann also entweder nur bedeuten, dass es rauten in berliner galerien erst nächstes jahr zu kaufen gibt oder ich hab die berliner rautenphase verpasst.

ein besonderes erlebnis hatten wir auch im projektraum der galerie kai hilgemann. dort wurden wir von einem künstler namens dan von anhalt mit dickem chinesischen pinsel vor einer staffelei im bikini gemalt. hier das gemälde:

(der rechte bin ich)

 

zurück zum geschäft

die offiziellen weekend galerien waren da schon weit weniger unterhaltsam. es ist natürlich naiv zu meinen, nur weil man in berlin ist würde es auch berliner kunst zu sehen geben, sowas kann man nur annehmen, wenn man wie ich aus einem dorf* kommt, dessen künstler alle (ausser mir) nach berlin gezogen sind.
das meiste war hochetablierter kram, kaum wagnisse, hauptsächlich alte kamellen. eher wie ein museumsrundgang und selbst museumsrundgänge sind ja manchmal überraschend.
würden die deichtorhallen oder die hamburger kunsthalle heute zum beispiel eine julian schnabel, jenny holzer oder robert longo retrospektive eröffnen, ich würd erstmal kucken was im fernsehen so kommt.
(ok, das war ein witz, ich kuck garkein fernsehen)

vor 30 jahren hat mir mein kunstlehrer mal ein buch geschenkt: „meisterwerke moderner malerei“. darin galt julian schnabel schon als klassiker. zurecht, denn das waren damals ja ganz okaye bilder. die bilder bei cfa allerdings würde ich eher der kategorie „was immer ich mach ist eh schon verkauft“ zuordnen.

cfa ist also am ende der fahnenstange angekommen. die lady gaga der galerien. hauptsache gross und viel geld – („200 000 bis 650 000 Dollar für ein Sechs-Meter-Format“ kostet laut handesblatt so ein schnabel). leider sind die schnabelbilder auch so egal wie lady gagas musik.
und die hallen, in denen sie hängen, machen einen ähnlich „privaten“ eindruck wie das foyer des bundeskanzleramtes. unter 4 metern sieht hier nichts aus. mit den “illustren gästen” davor wie statisten in ner vernissagen-szene bei sex and the city.
in 10 minuten hatte ich alles überflogen und war wieder raus.

robert longo hab ich das erste mal 1987 gesehen, auf der documenta. obwohl ich in der pubertät war konnte ich pathos damals ebenso schlecht ertragen wie heute.
genauso wie ich mich immer schon schwer tue mit symbolhafter politkunst, die obendrein ein bischen an die kreidezeichner der mönckebergstrasse erinnert.
immerhin habe ich dank robert longo bei capitain petzel gemerkt, dass ich mich seit 1987 offenbar kaum verändert habe.

wo wir auch hinkamen: überall riesiger kram in noch riesigeren räumen. in meine wohnung würde das meiste nichtmal liegend rein passen.

wobei man ja auch verständnis haben muss, bei den mieten. da muss man eben auch teure kunst verkaufen. nur: welche langweiler-sammler lockt man mit sowas hinterm sofa hervor?
wenn ich sammeln würde, ich würde beispielsweise peter piller kaufen oder inge krause. peter piller und inge krause wurden aber nicht gezeigt – sondern z.b. lampions. und ich weiss beim besten willen nicht wieso. (achja, der lampion-designer hat gerade diesen preis gewonnen).

 

krönender abschluss

am berliner gallery weekend sind laut programm 51 galerien beteiligt – etwa 25 davon haben wir geschafft.
zu meinen standard-accessoires gehören bei sowas immer kamera und notizbuch. weil wir jedoch mit dem fahhrad unterwegs waren zog ich es vor, überflüssigen ballast zuhause zu lassen. erst am dritten tag rang ich mich dazu durch, doch noch die kamera einzustecken, machte jedoch lediglich ein foto.
es entstand in der allerletzten ausstellung, in der wir am sonntag abend waren.
um 19 uhr sollte das gallery weekend schliessen. um 18.50 fuhren wir mit dem fahrrad in kreuzberg los, rüber nach charlottenburg. wir verfuhren uns zweimal und rasten wie geisteskranke durch den verkehr. klatschnass stand ich dann um 18.59 in der galerie buchholz und machte folgendes foto:

*hamburg